• Symposion im Haus der Kulturen: "Wo und was ist Heimat am Beginn des 21. Jahrhunderts?"

Kultur : Symposion im Haus der Kulturen: "Wo und was ist Heimat am Beginn des 21. Jahrhunderts?"

Sybill Mahlke

Heimat - einer der empfindlichsten Begriffe deutscher Sprache, beschwert mit Vorstellungen von Heimaterde, Heimatfilm, Heimatvertreibung, Heimatlosigkeit, wie sie schon im 19. Jahrhundert metaphysischen Schmerz bereitet: "Das eine nur, nach dem ich brenne - ich find es nicht, mein Heimatland!", klagt der fliegende Holländer. "Home" lässt sich dagegen relativ einfach an. "Where and What is Home in the 21st Century?" lautet - in englischer Sprache viel weniger belastet - der Titel eines Symposions im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Verwunderlich ist es indes bei der Komplexität des Themas nicht, wenn das ausdruckskritische Schlusswort des Tagungsorganisators Mühe hat, zusammenzufassen, dass alle Fragen offen seien.

Zu Hause in Bibliotheken

"Wo und was ist Heimat am Beginn des 21. Jahrhunderts?" wird verhandelt unter Empirikern und Experten, die Exil, Migration, Diaspora und Marginalisierung von Minderheiten geistig zu verarbeiten suchen, während sie in der Mehrzahl der multikulturellen Melange der Großstädte angehören. Das Konzept der Tagung hat Sabine Berking entworfen, und sie weiß, dass Kosovo und akademischer Diskurs zweierlei sind: Das Nachdenken über Heimat hat mit Menschen zu tun, die nur eine oder gar keine oder viele Heimaten haben. Die Frage nach Minderheiten-Literatur erscheint kleiner als sie ist angesichts der Tatsache von Explosionen ethnischen Hasses mitten in Europa auf der einen und dem "Recht auf Heimat" auf der anderen Seite. Und doch, resümiert der Journalist Navid Kermani, könne der Kongress so irrelevant nicht sein wegen der Fülle der Gedanken, die Trennungen überwinden wollten. Dem Iraner in Köln, der die Disziplinen Islam- und Theaterwissenschaft verbindet, kommt sein eigener Vortrag im Weltzusammenhang plötzlich naiv vor. Obwohl konkrete Lebenserfahrung aus ihm spricht.

Relativ leicht hat es der Intellektuelle, wie zum Beispiel Florian Coulmas, Sprachsoziologe und Japanologe in Duisburg: "My home is my homepage." Für ihn ist Heimat der Ort und die Form, Menschen zu treffen. Deshalb hat Coulmas sich auch in Berlin heimisch fühlen können - im hübschen Grunewald, in angenehmer Gesellschaft am Wissenschaftskolleg. Heimat findet er auch dort, wo gute Bibliotheken sind. Dabei erscheinen ihm naturgemäß sprachliche Grenzen nicht unüberwindbar: siehe Beckett, Adelbert von Chamisso, Vladimir Nabokov. Heimat als Fiktion, als Produkt der Phantasie findet er bei dem Japaner Kazuo Ishiguro, der als erfolgreicher britischer Autor sein Japanertum verloren habe. Coulmas ist so frei, den Globus seine Heimat zu nennen - in vollem Bewusstsein der eigenen elitären Position.

Schwarzes Deutschsein

Auch Carmen Faymonville, deutscher Assistent Professor in USA, geht es wesentlich um Sprache, um "postkoloniale Literatur" speziell. Schwarzes Deutschsein in soundsovielter Generation ist ihr seltener gesehenes, aber brenndendes Problem. Verdrängung der kolonialen Geschichte, so ihre "harte These", herrsche im provinziellen Deutschland, wo nach Maßgabe von Rasse, Klasse und Geschlecht Weiß und Männlich als höchster Wert gelte. Diese Anklage geht tiefer als die Verschlingungen der Sprachanalyse. Schwarzsein werde zum Schweigen gebracht in Deutschland, stellt Faymonville am Beispiel der Schriftstellerin Sheila Mysorekar und der politischen Lyrikerin May Ayim (1960 - 1996) in den Raum; sie fragt nach rassistischer Ausgrenzung und fordert Entkolonialisierung des Denkens. Die Tragödie Ayims mit ihrem Wunsch nach dem ganz natürlichem Deutschsein beschäftigt die Diskussion. Der Moskauer Schriftsteller Mikhail Ryklin hält dagegen, dass er die deutsche Gesellschaft noch als milde und weniger exklusiv ansehe als die in Russland, wo mehr als 20 Prozent der Bevölkerung auf ihre eigenen Nationalitäten poche.

Navid Kermani zieht erhellende Schlüsse aus seinen aparten Jugenderinnerungen. Er spricht von seiner glücklichen Kindheit, in der er seine Eltern auf persisch siezt und sich daher nicht traut, sie vor seinen Freunden in deutscher Sprache - so oder so - anzureden. Zu Hause gibt es mehr Freiheiten, in der Schule mehr Ordentlichkeit, die sich noch in den Butterbrotdosen der Mitschüler zeigt - das Fremdsein ist für in dieser Zeit nicht wichtig. Da er aus einem Viertel der Wohlhabenden stammt, ist er im Fußballverein zunächst fremd - aus sozialen Gründen. Heimat ist ihm die deutsche Sprache, der 1. FC Köln, aber Eisbein und Leberkäs sind Exotik pur. Bei seinen Verwandten in Isfahan dagegen findet er ein vertrautes soziales Milieu , im übrigen herrschen krassere soziale Kontraste als in Deutschland. Hier wie dort empfindet er, dass die Unterschiede zwischen Arm und Reich viel größer sind als die der Nationalität: Ein fliegender Holländer ist Kermani nicht.

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