Symposium an der Deutschen Oper : Gebt uns was zu denken, was zu fühlen!

Philosophen, Praktiker, Rebellen: An der Deutschen Oper suchen illustre Gäste nach der Zukunft des Musiktheaters. Auch Jonathan Meese schaut vorbei.

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Opernleuchten: Diskutant Jonathan Meese freut sich auf ein Bayreuth „voller Liebe“.
Opernleuchten: Diskutant Jonathan Meese freut sich auf ein Bayreuth „voller Liebe“.Foto: picture alliance / dpa

Wir haben uns daran gewöhnt, in der Oper die immer gleichen Stücke zu sehen. Wir haben auch weitgehend unseren Frieden mit den gängigsten Regie-Lesarten gemacht. Bringen wir die Oper damit um ihre Zukunft? Der Deutsche Bühnenverein warnte unlängst vor einem vereinheitlichenden Inszenierungsstil. Gibt es auf der Bühne überhaupt noch Raum für Überraschungen in der Begegnung mit den Klassikern? Dieser Frage will die Regisseurin und Professorin Barbara Beyer an der Kunstuniversität Graz nachgehen. Ihr Forschungsprojekt trägt den abschreckenden Titel „Zwischen Hermeneutik und Performativität“. Mit dem einfacheren, aber dennoch schwer zu fassenden Untertitel „Oper anders denken“ stellt Beyer drei Versuchsinszenierungen von Mozarts Così (Rezension folgt) und ein Symposium mit illustren Gästen an der Deutschen Oper zur Diskussion.

Können wir uns unserem Repertoire auf unausgetretenen Pfaden nähern? Oder gilt mit Boris Groys, dass alle ernste Kunst heute nur noch ironisch oder zynisch zu interpretieren ist? In den 70ern gab es noch Traditionen zu brechen, heute sind gar keine mehr auffindbar. Was, fragt Beyer, steckt hinter dem klassischen Text? Es braucht nicht viel Opernbegeisterung, um mitreden zu dürfen über das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft in dieser Eröffnungsrunde. Dirk Baecker, ein Soziologe, der nicht oft in die Oper geht, versucht den Absprungpunkt zu markieren. Er denkt an Marthaler, Verdi, Kant – und kommt zu dem Schluss: An der Oper ist im Vergleich zu den anderen Künsten nichts Besonderes. Becker findet, dies sei eine beruhigende Aussage. Dann entdeckt er doch noch das Profil der Oper: Historizität, eine der Gattung innewohnende Differenz von Vergangenheit und Gegenwart.

Der einzige waschechte Praktiker auf dem Podium, Regisseur Tilman Knabe, schaut ungläubig: „Scheitern ist das, was Kunst ausmacht“, brummt er. Dann kommt Carl Hegemann, Castorf-Denker, Schlingensief-Verbündeter – und bleibt. Seine Schiller-Exegese gipfelt emphatisch: „Nur spielerisch können wir uns befreien.“ Noch etwas Luhmann dazugeben: Das Kunstwerk definiert sich durch eine relative Unwahrscheinlichkeit seines Zustandekommens. Wir erwarten immer schon das Unwahrscheinliche. Opern müssten deshalb das Kunststück vollbringen, gleichzeitig wie Kunst und wie Nichtkunst auszusehen, schlussfolgert Hegemann. In unserer Funktionsgesellschaft entdeckt er nur diese zwingenden Themen. „Liebe und Tod und sonst nichts – das will ich!“

Navid Kermani, habilitierter Orientalist, war 2012 in Bayreuth und hat darüber einen Artikel in der „Zeit“ veröffentlicht. Seine These: Wenn sie den Mund aufmachen, ist es schon vorbei mit der Oper. Weil man sie nicht mehr ernst nehmen kann. Überhaupt bewegten sich Sänger so wie vor 40 Jahren, gefangen in einer Ideologie der Einfühlung, die die Oper fest im Würgegriff habe. So wie diese These ihren Autor. Hegemann kann ohne Gegenwehr anfügen, dass ihm heute der rituelle Charakter fehlt auf der Bühne, die durch perfektes Handwerk entstellt werde. Er erinnert an den kürzlich verstorben Regisseur Dimiter Gotscheff, für den Theater Hort „heiliger Handlungen in der profanisierten Welt“ war.

Regisseur Knabe wird unruhig, sieht das Handwerk despektierlich behandelt: „Das ist schofelig, Herr Professor Hegemann.“ Doch längst redet nur noch einer, der Soziologe guckt glasig, der Regisseur grollt, der Wissenschaftler träumt. Carl Hegemann aber läuft mit Aischylos zur finalen Form auf: „Erobert euer Grab!“ Graue Locken wippen. Der Name Christoph Schlingensiefs fällt an diesem Nachmittag gefühlte 33 Mal, der Heiner Müllers 22 Mal.

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