Symposium "Kunst gegen Valuta" : Räuber im eigenen Land

Sammler geplündert, Händler enteignet: Eine Potsdamer Tagung beschäftigt sich mit Kunstgeschäften der DDR mit dem Westen.

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Schnäppchen. Vor dem Ausverkauf lagerte die konfiszierte Ware bei der „Kunst- & Antiquitäten GmbH“ in Mühlenbeck.
Schnäppchen. Vor dem Ausverkauf lagerte die konfiszierte Ware bei der „Kunst- & Antiquitäten GmbH“ in Mühlenbeck.Foto: Archiv

Die aktuelle Politik brach ins Tagungsgeschehen ein. Roland Jahn, seit kurzem Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, ließ sich als Eröffnungsredner des dreitägigen Symposiums „Kunst gegen Valuta. Der staatliche Ausverkauf von Kunst und Antiquitäten zur Devisenbeschaffung in der DDR“ entschuldigen. Es war klar, dass die Absage im Streit um die knapp 50 Stasi-Mitarbeiter begründet liegt, die Jahn nicht länger in seinem Haus beschäftigen will. Das behindere „Versöhnung“? Wie berechtigt Jahns Aversion gegen die Stasi ist – unabhängig von seiner eigenen Biografie als Dissident –, erwies die Tagung des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums nur allzu deutlich.

Da ging es zum Beispiel um den Dresdner Kunsthändler Helmuth Meißner, der 1982 vom Amtsarzt der Volkspolizei in eine psychiatrische Klinik zwangseingewiesen wurde. Laut Anweisung der Stasi galt es, „den Transport mit einem Sankra der VP-Poliklinik in Verbindung mit operativen Kräften sicherzustellen“. Im Klartext: Der Achtzigjährige wurde im Krankenwagen fortgeschafft, begleitet von Stasi-Mitarbeitern in zwei weiteren Autos. Hintergrund war eine Razzia in der Wohnung des leidenschaftlichen Sammlers. Ihm wurde unterstellt, seine Privatschätze dienten als „Handelsware“, und sie wurden mit einer Steuernachforderung in sechsstelliger Höhe belegt, zahlbar binnen zwei Wochen. Das konnte Meißner naturgemäß nicht; also wanderte seine Sammlung in die Lagerräume der „Kunst- & Antiquitäten GmbH“ in Mühlenbeck bei Berlin. Wenig später kam die zerpflückte Sammlung stückweise in Auktionshäusern des „NSW“, des „Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebietes“, zum Aufruf. Die Vopos, erinnerte sich später Meißners Frau, brachten damals große Kartons mit „und Berge von Seidenpapier – was wir nie zu sehen kriegten: Seidenpapier!“.

Der Fall ist exemplarisch. Der private Kunsthandel wurde in der DDR nahezu völlig ausgeschaltet, Sammler drangsaliert. Die Vorgehensweise war immer gleich. Zunächst wurde ein Vergehen – „Verbrechen“, wie es offiziell hieß – gegen die Zoll- und Devisengesetzgebung der DDR konstruiert, indem privater Kunsterwerb als „illegaler Antiquitätenhandel“ kriminalisiert und mit Steuern von bis zu 96 Prozent belastet wurde. Da die Schätzung nach Westmarkt-Preisen zugrunde gelegt wurde, ergaben sich astronomische „Gewinnspannen“ für die Sammler, die sie jedoch niemals realisiert hatten. Aufgrund dieser fiktiven Werte, praktischerweise von Stasi-Mitarbeitern und nicht von unabhängigen Gutachtern „ermittelt“, wurde die Steuerschuld festgelegt. Da die Beschuldigten sie nur selten bar begleichen konnten, wurden die Objekte eingezogen. Einspruch gegen die Verfahren war unmöglich; die DDR kannte keine Verwaltungs- und keine Finanzgerichtsbarkeit. Und wo es dem Umfang der Beschlagnahmung diente, wurde sogar DDR-Recht missachtet, indem Kunstbesitz willkürlich als „über das normale Maß der Haushaltsführung“ hinausgehend deklariert wurde.

Denn um die Beschlagnahmung und die Höhe der damit zu erzielenden Westmark-Erlöse ging es. Die Verurteilung von Privatbesitz, die in den Anfangsjahren der DDR ideologisch eine große Rolle gespielt hatte, wich der bloßen Geldmacherei des um „Valuta“ ringenden Honecker-Staates. Mittlerweile gab es die berüchtigte „KoKo“, die „Kommerzielle Koordination“ des nach der Wende unbelangt gebliebenen Alexander Schalck-Golodkowski, seit 1960 „IM“ der Staatssicherheit. Ihr zugeordnet war die „Kunst- & Antiquitäten GmbH“, die mit ausgewählten Händlern aus dem Westen zusammenarbeitete, die die anonymisierte Ware in großen Mengen orderten – „100 Klaviere oder 50 Kommoden auf einmal“, wie der Fachanwalt Ulf Bischof berichtete – und geräuschlos auf dem Westmarkt unterbrachten. Zwischen 30 und 40 Millionen D-Mark – im DDR-Jargon „Valutamark“ genannt, um nicht die bundesdeutsche Bezeichnung zu benutzen – wurden jährlich mit dem Kunsttransfer erlöst, davon fünf, allenfalls zehn Millionen DM aus requiriertem Privateigentum. Nach der Herkunft fragten die West-Kunden nicht, weder die unmittelbaren Abnehmer noch ihre späteren Kunden oder Ersteigerer bei Auktionen.

Manches Stück landete im Museum und in öffentlichen Bibliotheken. Die Vertuschung ihrer Herkunft durch Schalcks „KoKo“ macht die Ermittlung der ursprünglichen Eigentümer bis heute unmöglich. Selten gelingen Funde. Einen Fall schilderte die Gründungsdirektorin des Polnischen Instituts in Düsseldorf, Nawojka Cieslinska-Lobkowicz. Eine Handschrift aus polnischem Kirchenbesitz wurde 1944 von Wehrmacht oder SS aus dem besetzten Generalgouvernement in die Königsberger Bibliothek verschleppt, die bei Kriegsende nach Schleswig-Holstein evakuiert werden konnte. Dort ließ ein Bibliothekar diese und eine weitere Handschrift mitgehen, der später „Leitungskader“ der Deutschen Bibliothek in Leipzig wurde. Auf den Nachlass des Mannes warf die „KoKo“ ihr Auge. Beide Inkunabeln wurden vom „Zentralantiquariat Leipzig“ in den Westen verschickt und dort verauktioniert. Eine Handschrift erwarb die Bayerische Staatsbibliothek in München, die bis heute auf „gutgläubigen Erwerb“ plädiert. Das andere Stück, ein Pontifikale, gab die Universitätsbibliothek Göttingen 1987 an den Bischof des 1944 beraubten polnischen Bistums zurück – heimlich, um eine neuerliche Einbehaltung, diesmal durch das kommunistische Regime, zu vermeiden.

Die Geschäftspapiere des „Zentralantiquariats“, wen wundert’s, sind verschwunden. Der Leipziger Handelsbetrieb machte zahllose Bibliotheken zu Geld; bereits durch die Bodenreform von 1949 „kamen viele Schlossbibliotheken frei“, wie es verschleiernd hieß. Die „Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände“ machte sich an die Liquidierung von Instituts- und Schulbibliotheken und bereitete ihre „Verwertung“ vor. Über Leipzig wurden bis 1987, so der Göttinger Bibliotheks-Kodirektor Rupert Schaab, 6,7 Millionen Bände „verarbeitet“: 2,9 Millionen gingen in den Westen, 2,8 Millionen in die DDR-„Sero“, den Reißwolf. Dass selbst aus der „Zentralbibliothek der deutschen Klassik“, der heute rückbenannten Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, rund 20 000 Bände zum West-Verkauf aussortiert wurden, beleuchtet den vom Devisenhunger diktierten Umgang der DDR mit ihrem Kulturerbe.

Die so verwerteten Buchbestände stammten meist aus öffentlichem Besitz. Zum Großteil existieren die betroffenen Bibliotheken nicht mehr. Die Zahl der betroffenen privaten Kunstsammler und -händler – wobei die Grenzen fließend sein können – wie auch die von verfolgten Künstlern ist nicht groß genug, um ein Bewusstsein der Unrechtmäßigkeit bei Politik und Öffentlichkeit hervorzurufen. Über dem Thema liege „ein Schleier des Schweigens“, so Julius Schoeps, Direktor des Mendelssohn-Zentrums. Gemeinsam mit anderen Referenten der Tagung forderte er, die für NS-Raubkunst getroffene Regelung auch auf DDR-Beschlagnahmungen auszuweiten und die Antrags- und Verjährungsfristen aufzuheben, die bislang jede gerichtliche Nachprüfung der DDR-Praxis im Zusammenspiel von Stasi, Staatsanwaltschaft und „KoKo“ verhinderten. Analog zur NS-Raubkunst soll künftig nicht der Geschädigte nachweisen müssen, nicht gegen das DDR-Steuerrecht verstoßen zu haben, sondern müssten die heutigen Besitzer, soweit es sich um öffentliche Einrichtungen handelt, die Rechtmäßigkeit ihres Erwerbs nachweisen.

Zuallererst geht es aber um die Anerkennung des Unrechts, um die moralische Rehabilitation der Opfer. In Potsdam kamen erschütternde Fälle zur Sprache: Sammler, denen mit einem Schlag Hab und Gut weggepfändet wurde, solche, die sich in Stasi-Haft aus Verzweiflung das Leben nahmen, und Künstler, deren gesamtes Werk beschlagnahmt und vernichtet wurde, nachdem einzelne Arbeiten in der Bundesrepublik ausgestellt worden waren und perfiderweise als „Devisenschmuggel“ kriminalisiert wurden.

Provenienzforschung tut not. Wie zu Beginn der NS-Raubkunstdebatte wehren sich öffentliche Institutionen unter Hinweis auf Geld- und Personalmangel. Das klingt bekannt. Dabei mangelt es weniger an Geld als an Unrechtsbewusstsein. Aus Verschweigen erwächst keine Versöhnung.

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