Symposium : Kunstreligion für Rotarmisten

In einem Symposion beschäftigt sich das Bode-Museum mit Kriegsverlusten und Beutekunst. Hoffnung auf Rückkehr einiger Kunstgüter gibt es nicht mehr.

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Relief Madonna mit Kind Foto: SMB/Jörg P. Anders
Heimgekehrt. Antonio Rossellino. Madonna mit Kind von ca. 1450.Foto: SMB/Jörg P. Anders

Zwanzig Jahre ist es her, dass die beiden russischen Kunsthistoriker Konstantin Akinscha und Grigori Koslow das Buch „Beutekunst“ über Geheimdepots in den Museen ihres Landes vorlegten. Das Duo hatte unter anderem den „Schatz von Troja“ im Moskauer Puschkin-Museum aufgespürt, die geradezu volkstümlichen Funde Heinrich Schliemanns. Sie waren nach Kriegsende zusammen mit Abertausenden Kunstwerken der Berliner Museumsinsel von der Roten Armee beschlagnahmt und in die Sowjetunion verbracht worden.

1995 gab es noch Hoffnung auf Rückkehr der Beutekunst; so, wie vierzig Jahre früher große Bestände der Museen aus Dresden und Ost-Berlin zurückgeführt wurden. Heute ist diese Hoffnung zerstoben, ein Gesetz des russischen Parlaments von 1998 hat alle verbliebenen Kulturgüter, wohl weit über eine Million, kurzerhand zu Staatseigentum erklärt. Am vergangenen Freitag nun fand im Bode-Museum ein Symposium statt über „Das verschwundene Museum“, parallel zu der eindrucksvollen Ausstellung gleichen Titels in den angrenzenden Sälen, die die Kriegsverluste von Gemälde- und Skulpturengalerie anhand von Schwarz- Weiß-Fotos verbrannter Gemälde und Beispielen zerborstener Skulpturen vor Augen führt.

Dort nun hielt Konstantin Akinscha den Einleitungsvortrag unter der sarkastischen Überschrift „The Never Ending Story“, denn Neues ist tatsächlich nicht zu vermelden. Allenfalls konnte Akinscha einige der Strippenzieher benennen wie den letzten sowjetischen Kulturminister Nikolai Gubenko, der den verhandlungsbereiten russischen Nachfolger Michail Schwidkoj ausmanövrierte und so die Neinsager-Front befestigte. An der Spitze: die jahrzehntelange Direktorin des kremlnahen Puschkin-Museums, Irina Antonowa. Sie schrieb Zeitungsartikel mit der Überschrift „Wir schulden niemandem etwas“ und stellte den Schliemann-Schatz triumphierend als Beute zur Schau.

Einige gerettete Werke kamen nach Moskau

Schon in ihrem Buch hatten Akinscha und Koslow verneint, dass die Spitzenwerke der Berliner Museen den geheimnisumwitterten Brand im Flakbunker Friderichshain Mitte Mai 1945 überstanden hätten. Darüber war Anfang der neunziger Jahre heftig spekuliert worden. Die Ergebnisse intensiver Archivforschung stellte Regine Dehnel vor, die beim 2005 gegründeten „Deutsch-Russischen Museumsdialog“ tätig ist, einer Gesprächsplattform der Museen beider Länder unterhalb zwischenstaatlicher Verhandlungen. 434 großformatige Gemälde sind damals verbrannt, zahllose Skulpturen in der Hitze geschmolzen, aber auch Antiken und andere Objekte zerstört worden.

Einige wenige Objekte haben den Brand, der wohl von deutschen Plünderern oder verstörten Jung-Nazis gelegt worden war, überstanden und kamen mit dem teilweise geborgenen Brandschutt nach Moskau. In mühsamer Kleinarbeit konnte Dehnel einige solcher Objekte nachweisen, andere hingegen, deren Vorhandensein zuweilen als Hoffnungsschimmer für eine wundersame Rettung genommen wurde, wie Oskar Kokoschkas Gemälde vom „Pariser Platz“, waren vor dem Brand aus dem Flakbunker umgeräumt worden.

Die Berliner Museen glaubten sich vor Kriegsbeginn bestens gegen die allgemein erwarteten Luftbombardements gesichert, doch die Sandsackbarrieren um den Pergamon-Altar erwiesen sich sofort als ungenügend. Petra Winter, die Leiterin des Zentralarchivs der Staatlichen Museen, zeichnete die bedrückende Geschichte der Museen in Krieg und Nachkriegszeit nach, als beide Seiten der auseinanderfallenden Kriegskoalition die Berliner Bestände fortschafften, die Amerikaner die ihnen in mitteldeutschen Kalibergwerken zugefallenen Gemälde gar auf eine Ausstellungstournee durch die USA. Auch das ist bekannt, doch Winter stimmte nachdenklich mit der Pointe, ohne die Teilung Berlins und die Systemkonkurrenz von Ost und West wäre die Rückkehr der Bestände nach Berlin wohl niemals zustande gekommen.

Sollte man Kriegschäden zeigen oder beseitigen?

In der Rückschau erst tritt das dramatische Potenzial der Auslagerungs-, Bergungs- und Abtransportaktionen hervor. Erstaunlich viele Filme haben davon Gebrauch gemacht, nicht erst das Hollywood-Epos „Monuments Men“. Bénédicte Savoy, aus Paris stammende Kunsthistorikerin an der TU Berlin und stets für überraschende Funde gut, hatte ein Feuerwerk an Filmausschnitten vorbereitet, in denen es um die Rettung von knapp der Zerstörung entronnenen, prominenten Kunstwerken geht. Die DEFA- Produktion „Fünf Tage, fünf Nächte“ lässt einfache Rotarmisten in religiöser Andacht vor Raffaels „Sixtinischer Madonna“ verharren, diesem zum Emblem sowjetischer Kulturrettung erhobenen Schlüsselwerk der Dresdner Museen. Der stärkste Beifall des Tages belohnte den ebenso unterhaltsamen wie aufschlussreichen Streifzug durch die massentaugliche Verwurstung einer komplexen Thematik.

Dessen nachdenkliche Reflexion bot zum Abschluss Julian Chapuis, der als Leiter der Skulpturensammlung die Ausstellung „Das verschwundene Museum“ verantwortet. Ob und wie man beschädigte Kunstwerke zeigen könne, ob man sie wiederherstellen dürfe oder aber ihre Kriegsspuren bewahren müsse, ist in jedem Einzelfall zu fragen. Doch wenn Schäden an den Kunstwerken sichtbar belassen werden – und die Ausstellung bietet bewegende Beispiele -, dann „wird ein Moment der jüngsten Geschichte zum dominierenden Aspekt ihrer Wahrnehmung“, wie Chapuis schlussfolgerte.

Ganz aus dem Bewusstsein und der kunsthistorischen Forschung herausgefallen sind die verschwundenen Werke, zumal die nicht einmal in Farbabbildungen überlieferten Gemälde. Kein Weg führt an der bitteren Einsicht vorbei: Von den Verlusten des Mai 1945 werden sich die Staatlichen Museen Berlin nie mehr ganz erholen.
Bode-Museum, bis 27.9., Begleitpublikation für November angekündigt.

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