Synagoge : Ein Haus für Gott. Und die Welt

Heute wird Deutschlands größte Synagoge in der Berliner Rykestraße wiedereröffnet. Eine Frau kehrt deshalb nach über 70 Jahren in die Stadt zurück.

Nadja Klinger

Vor der Rykestraße 53 im Prenzlauer Berg steht ein Polizist. Jahrein und jahraus bei Wind und Wetter. Anwohner grüßen ihn, Kinder schlagen mit Fahrrädern einen Bogen. Er wirft die Sommeruniform ab wie ein Baum die Blätter, schlägt sich mit Handschuhen und dicker Mütze durch den frostigen Winter. Er ist so was wie ein Schatten der Ereignisse. Man findet ihn auf jedem Foto, das Berlin-Touristen an diesem Ort schießen.

Er gehört hierher wie die steinernen Absperrungen, die ringsum in den Gehweg gerammt sind. Wie die Davidsterne in den gusseisernen Toren, die den Zugang zum Hof versperren. Er steht hier, weil das Haus Nummer 53 den Schutz der Staatsmacht nötig hat.

Jahrelang war die Synagoge im Hof eine Baustelle. Handwerker, Geräte und Material passierten das Tor. Jetzt ist hier alles aufgeräumt und gefegt. Ein Übertragungswagen des Fernsehens parkt am Straßenrand. Wer durch die Pforte will, muss seine Ausweisnummer hinterlassen. Spannung liegt in der Luft. Nur der Polizist vorm Haus steht wie eh und je. „Das hier ist einfach nur mein Job“, sagt er.

Drinnen in der Synagoge steht Martin Kranz. Besser gesagt: Er zappelt, läuft von hier nach da, hält Ausschau, kümmert sich, und immer wieder klingelt sein Handy. Kranz leitet das Organisationsbüro der Jüdischen Kulturtage. „Der Polizist da draußen könnte ein bisschen mitmachen“, sagt er. „Sie dürfen hier nicht rein, könnte er zu den Leuten sagen, aber ich kann ihnen ein bisschen was zu diesem Haus erzählen.“ Kranz ist Veranstaltungsmanager. Ein mürrischer Polizist vorm Tor ist so was wie Antiwerbung für seine Arbeit.

In den letzten Jahren kamen am Sabbat mitunter schwarz gekleidete Männer auf die Baustelle der Synagoge. Sie blieben kurz drin, dann sah man sie durch den Kiez ziehen: junge Männer in Feierlaune am Feiertag. Nur dass sie jüdische Orthodoxe waren, Kippas trugen, steife Hüte und Schläfenlocken – und unterm Gebetsschal Sechserpackungen Bier. Man starrte ihnen hinterher.

Wir leben mit den Juden wie mit einer Geschichte. Sie sind wahr, aber irgendwie nicht real. Der Anblick eines Orthodoxen erinnert an Schwarzweißbilder aus den Ghettos. Es ist 2007, und wenn wir ehrlich sind, versuchen wir immer noch vergeblich zu verstehen. Gleichzeitig wollen wir uns verhalten.

Ruth Hundsdoerfer macht die Pressearbeit für die Kulturtage. Auf den Job hat sie sich gründlich vorbereitet. Worte wie Bima, Bar-Mizwa, Sukkot muss man wie Vokabeln immer wieder aufs Neue lernen. Sie verwendet sie vorsichtig. Dabei merkt sie, dass die Juden, mit denen sie zusammenarbeitet, das ganz locker sehen. Muss ich Arbeitslager oder Konzentrationslager schreiben, hat sie neulich einen gefragt. Ist wurscht, hat der geantwortet.

Im Berliner Norden lebten einst viele Juden vor allem aus Osteuropa. Arme Leute, für die der Alltag ein Kampf und der heilige Sabbat die Glanzzeit waren. 1903/04 hat man in der Rykestraße 53 eine Synagoge gebaut. Das riesige Backsteinhaus mit Choranbau drängt sich dicht an die Fassaden mehrerer Mietshäuser. Das hat sie in der nationalsozialistischen Pogromnacht im November 1938 vor der völligen Zerstörung gerettet. Um die Wohnhäuser ringsum zu schützen, kam die Feuerwehr und löschte. 1940 verboten die Nazis Gottesdienste. 1944 musste die Gemeinde dem Bezirk Prenzlauer Berg für eine lächerliche Kaufsumme das Grundstück samt Synagoge und Vorderhaus überlassen. Es heißt, die Heeresverwaltung habe hier dann Pferde untergestellt. Es wird von Möbel- und Textillagern berichtet.

Erst 1988 wurde die Grundbucheintragung von 1944 wieder rückgängig gemacht.

Am Kriegsende stand die Synagoge ohne Dachziegel, fast alle Fenster waren kaputt. Holz, Putz, dekorative Malereien hatten schwer unterm Wetter gelitten. Leitungen und sanitäre Einrichtungen fehlten. Baumaterial wurde von West- nach Ost-Berlin gebracht, damit unter einem geschlossenen Dach wenigstens Gottesdienste abgehalten werden konnten.

Was hatte die Synagoge in der Rykestraße verloren? Ihr Antlitz. Ihren Stolz. Und ihre Identität. Namen und Zahlen, all das Papier, das Geschichte schreibt, war weg. Und die Menschen, die die Geschichte hätten erzählen können. Von den 173 000 Juden, die 1925 noch in Berlin gelebt hatten, waren nach dem Krieg 6500 übrig. 55 000 lebten nicht mehr, der Rest war geflohen oder vertrieben worden. Die Jüdische Gemeinde hat ihre Vergangenheit mühsam erforscht. Wer waren die Rabbiner, Synagogenvorstände, Kantoren, Synagogendiener gewesen? Zu den meisten Namen, auf die man beim Forschen stieß, fand sich das Datum der Deportation oder der Todestag mit der Ortsangabe eines Ghettos oder Auschwitz.

1952/53 bezahlte der Berliner Senat weitere Bauarbeiten. Nach Rabbiner Martin Riesenburger, der die Synagoge dann weihte, wurde 1987 eine Straße in Hellersdorf benannt. Straßennamen sind Geschenke aus der Not. Zeitgeist. Die Martin-Riesenburger-Straße geht von der Mark-Twain-Straße ab. Der amerikanische Schriftsteller hatte gegen antisemitische Vorurteile gekämpft und Palästina bereist. 1910 ist er gestorben, hat den Holocaust nicht erlebt. Die Zeit mag Wunden heilen, aber sie ist eine miserable Kosmetikerin, hat Mark Twain gesagt.

Schon während der Bauarbeiten 1952/53 spaltete der Kalte Krieg die Berliner Juden. Die Rykestraße wurde der religiöse Mittelpunkt der kleinen Ost-Berliner Gemeinde. 1977 kam das Haus auf die Bezirksdenkmalliste. Es war vor dem Verfall geschützt, aber stand einsam in der Stadt. Lediglich ein paar prominente Ost- Berliner Intellektuelle besannen sich ihrer jüdischen Wurzeln. Stefan Heym, Jurek Becker, Wolf Biermann und Klaus Gysi sollen zu Lesungen und Konzerten im Haus gewesen sein.

Seit 1989 wird in der Bundesrepublik der Heinz-Galinski-Preis vergeben. Er belohnt die deutsch-jüdische Verständigung. Deutsche aus Ost und West haben sich wiedervereinigt und gelernt, dass sie nicht einmal untereinander klarkommen. Die Verständigung zwischen Deutschen und Juden wird vor allem dann intensiviert, wenn Gedenktafeln beschmiert und Gedenksteine umgeworfen worden sind. Wie an Polizisten vor jüdischen Einrichtungen haben wir uns auch an polizeiliche Ermittlungen gewöhnt, die ergeben sollen, ob antisemitische Motive vorliegen. Am 9. November 1998 luden der Zentralrat der Juden und die Jüdische Gemeinde zu einer Gedenkveranstaltung in die Rykestraße ein. Es sprach Bundespräsident Roman Herzog. Und Meir Lau, Oberrabbiner des Staates Israel, sagte: „Wir dürfen nicht vergeben, dafür haben wir von Millionen von Opfern kein Mandat.“

Als der Rabbi diese Worte sprach, wurde in der Rykestraße schon gebaut. Die Berliner Architekten Ruth Golan und Kay Zareh sollten die Synagoge wieder so werden lassen, wie sie einmal war. Sie hatten dunkelbraunen Innenanstrich vorgefunden und eiserne Leuchter, golden lackiert. Der Eingangsbereich war größtenteils zugemauert, im Holz auf der Empore steckte der Schwamm. Es gab drei alte Schwarzweißfotos als Vorlage. Rosettenfenster wurden eingebaut, Sandsteinsäulen restauriert, Farben und Malereien freigelegt und rekonstruiert, die Orgel repariert. Das Haus ist jetzt hell, die Decke nahezu märchenhaft bunt. Golan und Zareh haben knapp fünf Millionen Euro verbaut. Das Geld kam von der Stadt und von der Lottostiftung. Die Synagoge ist jetzt ein Haus, in dem man sich kaum vorstellen kann, dass es mal nicht so schön war.

Heute um elf Uhr wird sie wiedereröffnet. Unter Baldachinen werden acht Torarollen in den Schrein getragen. Rabbiner Chaim Rozwaski wird die Weihe vornehmen. Er ist ein Mann mit weißem Vollbart und lustigen Augen hinter der Brille. Vor nicht allzu langer Zeit hat er kundgetan, dass er bestimmte Stadtteile Berlins nicht betritt und bei Dunkelheit keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzt. Er ist realistisch, nicht ängstlich. 800 Anmeldungen gibt es schon für seinen Gottesdienst. 1200 Menschen passen in die Synagoge, alle, die rein wollen, wollen sie reinlassen. „Und wenn die Leute sich stapeln“, sagt Martin Kranz. Was die Feuerwehr davon hält? „An so einem Tag!“, sagt Kranz. Draußen im Kiez herrscht höchste Sicherheitsstufe.

Dass die Synagoge jetzt wieder so ein Prachtbau ist, hat sich herumgesprochen. Menschen haben sich gemeldet, die Beter in der Rykestraße waren. Sie kommen von überall aus der Welt. Sie kommen und vervollständigen die Geschichte.

Rita Rubinstein ist 85 Jahre alt. Sie ist eine kleine Frau mit weißen, kurzen Haaren, die im Sofa des Hotelzimmers unweit der Synagoge fast verschwindet. Auf Stühlen und auf dem Bett sitzen ihre Verwandten. Sie haben sie von Israel hierherbegleitet, der Sohn Dan ist aus der Schweiz angereist. Rita Rubinstein war Beterin in der Rykestraße. 1933 haben die Nazis ihren 18-jährigen Bruder umgebracht. Bei der Flucht aus Berlin verlor sich die Großfamilie. Nach dem Krieg erfuhren sie, wer von ihnen überlebt hatte. Mehrmals haben Regierende Bürgermeister Rita Rubinstein nach Berlin eingeladen. Sie hat immer abgelehnt. Das Leben fern der Heimat war sicherer, aber leichter ist es nie geworden. Sie konnte keine großen Sprünge machen. Beim Sabbatgottesdienst wird sie in der Synagoge die Lichter anzünden.

Bis dahin wird im Gotteshaus noch gehämmert, gebohrt, gestrichen und geschraubt. Der Elektriker ist am Werk, der Tischler hockt unter den Stühlen. Das Einbringen der Torarollen wird geprobt. Kamera- und Fotografenpositionen werden festgelegt. Eine Synagoge ist Fremdland in der Medienmoderne. „Nicht dass jemand für ein Foto unter den Baldachin kriecht“, sagt Ruth Hundsdoerfer.

Rund 12 000 Juden sind wieder in der Stadt, der Zuzug der Osteuropäer lässt die Gemeinde größer werden. „Der Prenzlauer Berg, ein sich ständig wandelnder Stadtteil, ist prädestiniert dafür, dass die Gemeinde nicht nur in sich erstarkt, sondern auch ein Teil des städtischen Lebens wird.“ Das findet Hermann Simon. Er ist Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum und ist als Kind selber hier in die Synagoge gegangen. Zusammen mit Peter Sauerbaum, Kulturdezernent der Jüdischen Gemeinde, hat er darum gekämpft, dass die Rykestraße nicht nur Ort des Gebets, sondern auch Kulturort wird. Eine Stätte der Begegnung mit der nichtjüdischen Bevölkerung. Ein deutsches Testgebiet.

Der erste Test war die Debatte um diese Idee in der Jüdischen Gemeinde. Wie Sauerbaum und Simon sie überstanden haben, kann man in der Synagoge sehen. Die ersten Stuhlreihen können entfernt werden, damit große Sinfonieorchester Platz haben. Es ist für bühnenmäßige Beleuchtung gesorgt, die Akustik ist prächtig, die Heizungsanlage perfekt. Und: Die Jüdischen Kulturtage, die eigentlich immer im November stattfinden, beginnen heute schon. Die Rykestraße ist Veranstaltungsort. Sauerbaum und Simon strahlen. Sie fühlen sich ein bisschen, als hätten sie eine neue Zeitrechnung in Umlauf gebracht.

„Zu allererst ist eine Synagoge ein Ort des Gebets“, sagt der Rabbiner Rozwaski. Er ist eben aus Amsterdam angereist, in seinem kleinen Zimmerchen hinter der Orgel verschwunden, um für ein Fernsehinterview die Amtstracht anzulegen. Vor ihm ist noch Hermann Simon dran. Das Fernsehteam stellt ihn auf die Empore, und er soll erzählen. Als er fertig ist, bittet der Regisseur darum, alles noch mal zu wiederholen. „Das gehört zum Geschäft“, sagt Simon zum Rabbi. Die Fernsehleute räumen, schalten, proben mit Licht und Ton. „Diese Synagoge ist verwurzelt in der Vergangenheit ... und lebt doch heute“, sagt der Rabbi.

Zum Sabbatgottesdienst heute um 19 Uhr sind Menschen aller Glaubensrichtungen eingeladen. Er wird auf Deutsch abgehalten, für die hebräischen Psalmen gibt es Übersetzungen fürs Publikum. Die Leute sollen wissen, worum es in der Synagoge geht. 3000 Kippas wurden für die Zukunft in der Rykestraße geordert. „Vielleicht müssen wir noch mal nachordern“, sagt Martin Kranz.

„Du hast jetzt die größte und schönste Synagoge Deutschlands“, sagt Peter Sauerbaum zu Herrmann Simon. Der hat fürs Fernsehen einen Schlips angelegt und das Handy ausgeschaltet. Auf dem Display erlosch das Bild der goldenen Synagoge in der Oranienburger Straße. „Die zwei schönsten“, erwidert er. „Die schönste von außen und die schönste von innen.“

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