Kultur : System der Angst

„Das Dritte Reich“: Richard J. Evans’ Versuch einer Gesamtdarstellung des Nationalsozialismus

Bernhard Schulz

37 000 Schriften zum NS-Regime listet Michael Rucks gültige Bibliografie aus dem Jahr 2000 auf – mit einem Anstieg von 12 000 Publikationen allein seit 1995. Das Interesse der Historikerzunft am „Dritten Reich“ ist ungebrochen. Unter diesen Umständen eine Gesamtdarstellung der NS-Zeit schreiben zu wollen, grenzt an Hochmut. Kaum ein NS-Forscher kann auch nur sein Spezialgebiet überblicken – wie sollte ein Einzelner Politik, Wirtschaft, Strukturen, die handelnden Personen, dazu Kunst, Wissenschaft, Religion, Militär und Kriegsführung nur annähernd beschreiben wollen?

Genau das hat sich der britische Historiker Richard J. Evans mit seinem schlicht „Das Dritte Reich“ betitelten Werk zur Aufgabe gemacht. Der seit 1998 in Cambridge lehrende Professor für Moderne Geschichte wendet sich ausdrücklich an Leser, „die nichts oder nur wenig über das Thema wissen und gern mehr erfahren möchten“. Die Experten sind nicht seine vorrangige Zielgruppe. So war manche Kritik an dem ersten Band des auf drei Teile angelegten Großwerks beckmesserisch, obgleich etwa die penible Auflistung von Unkorrektheiten durch Heinrich August Winkler hilfreich ist.

Seinerzeit trug zum Unmut bei, dass Evans’ Werk als „erste Gesamtdarstellung des Nationalsozialismus“ angekündigt wurde – eine Großsprecherei, die einem Thema mit derart beständigem Publikationszuwachs nicht gerecht werden kann. So hatte kurz zuvor erst Hans-Ulrich Wehler den vierten dieser Zeitspanne gewidmeten Band seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ vorgelegt. Die eigentlichen Kontroversen werden weder von Werbesuperlativen noch von mühsamer Kleinarbeit – falsches Datum hier, falscher Begriff dort – berührt. Eine solche Kontroverse ging dem Erscheinen des zweiten Evans-Bandes voraus: Der Streit über die von Götz Aly – einem Außenseiter seiner Zunft – in „Hitlers Volksstaat“ aufgestellte These, das „Dritte Reich“ sei „eine Gefälligkeitsdiktatur“ gewesen, die sich mit einer verblüffend modernen Sozialpolitik die notwendige Massenloyalität gesichert habe. Aly zufolge können und müssen praktisch alle Deutschen außer den vom Regime Ausgeschlossenen zu dessen Nutznießern gerechnet werden.

Es wäre spannend gewesen, von Evans eine direkte Antwort auf Aly zu lesen. Doch sein zweiter Band lag bereits in der Originalsprache vor. Implizit gibt Evans sehr wohl eine Antwort. Sie fällt dankenswerterweise gegensätzlich und schroff genug aus, um die ewig brisante Frage „Wie konnte es geschehen?“ mit neuer Nahrung zu versorgen. Evans greift die angelsächsische These von der „sich selbst überwachenden Gesellschaft“ auf, um ihr vehement die „Bedeutung des Terrors und der Einschüchterung von oben nach unten“ entgegenzuhalten. Für diese gegenüber Aly fundamentale Diskrepanz in der Beurteilung des Naziterrors gibt der 1947 geborene Autor zu bedenken, dass wir Heutigen uns schwer damit tun, „die notwendige Vorstellungskraft aufzubringen, um das Verhalten von Menschen in Staaten wie dem Dritten Reich zu verstehen, wo jedem Folter, Zuchthaus, Lager oder gar Tod drohte, der es wagen sollte, auch nur die leiseste Kritik am Regime und seinen Führern zu äußern“. Ein bedenkenswertes Innehalten im allwissenden Blick des Historikers auf die Vergangenheit.

Nicht ohne Grund steht am Anfang des zweiten Evans-Bandes unter dem unmissverständlichen Titel „Diktatur“ das Kapitel „Der Polizeistaat“. Am sogenannten Röhm-Putsch von 1934 wird die Gewaltbereitschaft und Gewaltausübung des NS-Regimes als zentrales Moment herausgearbeitet. Unfassbar, wie schnell die rechtsstaatlichen Institutionen verfielen, die Hitler bei seinem Machtantritt weitgehend intakt vorgefunden hatte. Leider neigt Evans gerade an solchen Bruchstellen zu Generalisierungen. Er spricht etwa von dem „umfassenderen Netz der Überwachung, des Terrors und der Strafverfolgung, das in den dreißiger Jahren von den Nationalsozialisten über die deutsche Gesellschaft geworfen wurde“. Wann genau die Behörden einschließlich „scheinbar neutraler Institutionen wie die Finanzämter, die Reichsbahn und die Reichspost“ Teil des Unterdrückungsapparates wurden, wüsste man gern präziser. Jedenfalls, so Evans’ Argument gegen die „Gefälligkeitsthese, bildeten die weit verzweigten Behörden mit SS und Gestapo an der Spitze „ein polymorphes, unkoordiniertes, aber alles erfassendes System der Kontrolle“. Die große Mehrheit der Deutschen sei unbehelligt geblieben und mit Sozialleistungen bestochen worden, wie Aly meint? Nein, Evans betont vielmehr „die alles beherrschende Atmosphäre von Angst und Terror“. Mit den Worten einer der zahlreichen, von ihm immer wieder zitierten privaten Quellen: „Das Dritte Reich war Angst.“

Freilich konstatiert auch Evans, dass der Terror allein nicht genügte: „Von allen Elementen, die das Dritte Reich zu einer modernen Diktatur machten, war sein unablässiges Verlangen nach einer Legitimierung durch die Massen am auffälligsten. Fast von Anfang an versetzte sich das Regime in einen Zustand der fortwährenden Konsultation der Massen“. Das klingt ähnlich wie Alys Beobachtung, das Regime habe ängstlich alles vermieden, was die Mehrzahl der Deutschen, insbesondere die Arbeiterschaft, gegen die Nazis hätte aufbringen können. Doch Evans sieht die Aufgabe der Legitimationsbeschaffung – gewissermaßen im Sinne von Goebbels – vorwiegend in der Propagandamaschinerie, nicht in der Sozialpolitik.

Die Darstellung der NS-Herrschaft als einer Kulturrevolution gewährt neue Einsichten, ungeachtet mancher Fehldeutungen bezüglich einzelner Aspekte der Kunstpolitik. Dennoch geht eine Formulierung wie „Goebbels’ facettenreiche Kampagne zur Mobilisierung des Geistes des deutschen Volkes im Dienste des Dritten Reiches“ sicher zu weit, denn anders als dem Stalinismus ist dem Nationalsozialismus nie die Ausbildung einer eigenen „Kultur“ gelungen. Die immanente Destruktivität des Nationalsozialismus erweist sich auch daran, dass sie mit dem Hass des gescheiterten Wiener Postkartenmalers Hitler die Moderne als „Kulturbolschewismus“ vernichtet, selbst aber nur Größen vom Format eines Adolf Ziegler hervorbrachte. Hinzu kommen die rapiden Qualitätsverluste der Universitäten wie überhaupt des Schul- und Bildungswesens durch die Vertreibung der jüdischen Wissenschaftler.

Vor allem die auch komplizierte Zusammenhänge fassbar machende Erzählweise zeichnet Evans Werk aus. Neues etwa zur Frage der Funktionstüchtigkeit des NS-Regimes als politischem System – heiß diskutiert seit Karl-Dietrich Brachers Klassiker „Die deutsche Diktatur“ von 1969 – hat Evans indes nicht beizusteuern, wenn er resümiert: „Nichts war sorgfältig geordnet bei der Verwaltung des Dritten Reiches, und die Vorstellung, es habe sich um einen reibungslos funktionierenden, vollkommen zentralisierten Staat gehandelt, ist von den Historikern seit langem aufgegeben worden“.

Da hätte man sich, zumal nach dem Erscheinen der ebenso monumentalen wie auf den „Führer“ zentrierten Hitler-Biografie von Ian Kershaw, doch etwas mehr Differenzierung zwischen Führerkult und Verwaltungshandeln gewünscht. Wie überhaupt eine stärkere Beobachtung des Diktators, der bei Evans merkwürdig blass bleibt. Das Beunruhigende und nach wie vor kaum Verständliche an der Praxis des NS-Regimes ist doch, dass grenzenloser Führerkult mit beamtenmäßiger Verwaltung, Kompetenzwirrwarr und Amtsanmaßung mit buchstabengetreuer Bürokratie stets zusammengingen. Kurz: Dass der „Maßnahmenstaat“ einen soliden behördlichen Unterbau besaß, wie der Völkermord an den Juden aufs schrecklichste zeigen sollte.

In der Endphase der NS-Zeit ist Richard J. Evans mit seinem Mammutprojekt noch nicht. Doch die Diskussion über die Unfasslichkeit des „Dritten Reiches“ geht mit neuen Einsichten und unverbrauchten Argumenten weiter – ad infinitum.

Richard J. Evans: „Das Dritte Reich“. Band 1: „Aufstieg“. Aus dem Englischen von Holger Fließbach und Udo Rennert. 752 Seiten, 39,90 €. Band 2/I u. 2/II: „Diktatur“. Aus dem Englischen von Udo Rennert. Zusammen 1083 Seiten, 69,90 €. Alle Bände bei DVA, München 2006

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