Szene-Roman "Bonjour Berlin" : Berlin, das Berghain und ein Fest fürs Leben

Das Berghain ist literarisch so gut vermessen, dass man es bestens kennen kann, ohne jemals da gewesen zu sein. Was bislang fehlte, war der Blick von außen. Den liefert nun ein junger französischer Autor mit dem Roman "Bonjour Berlin" über das Nachtleben in der deutschen Hauptstadt.

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Das legendäre Berghain in Berlin Foto: dpa
Das legendäre Berghain in BerlinFoto: dpa

Das Berghain, Berlins Überclub schlechthin, ist spätestens mit Helene Hegemanns Roman „Axolotl Roadkill“ zum Schauplatz in der Literatur geworden. „Strobo-Technoprosa aus dem Berghain“ hieß das Buch von einem gewissen Airen, das Hegemann seinerzeit mit den bekannten Folgen – Plagiatsdebatte und so weiter – inspiriert hatte.

Und ob es nun ein Thomas Meinecke ist, der sich am Sonntagmorgen den Wecker stellt, um den Club zu besuchen, ein David Wagner, der auch schon durch das ehemalige Heizkraftwerk in der Nähe des Ostbahnhofs promeniert ist, oder andere Autoren, die Berliner Club- und Szeneromane oder Feuilletons schreiben: Das Berghain ist literarisch so gut vermessen, dass man es bestens kennen kann, ohne jemals da gewesen zu sein.

Was bislang fehlte: der Blick von außen, von den Menschen, die nicht zuletzt das Berghain und überhaupt viele Berliner Clubs abschließend füllen – von den ausländischen Szenetouristen, vom sogenannten Easyjet-Set. Diesen Blick liefert jetzt der 1988 geborene Franzose Oscar Coop-Phane mit seinem Roman „Bonjour Berlin“. Der in Paris lebende Schriftsteller hat ein Jahr in Berlin gelebt und erzählt von drei jungen Männern, Franz, Armand und Tobias, die sich im Berliner Nacht- und Clubleben befreunden und verlieren. Immer im Wechsel schildert er zunächst, wie es den dreien in Paris (Tobias, Armand) und in Hannover und Lübeck (Franz) ergeht, bevor sie in Berlin landen; ihre Elternhäuser sind mehr oder weniger gebrochen, und Drogen spielen bei allen bereits früh eine lebensbegleitende Rolle.

Abgewiesen am Berghain
"Dieser Club ist wohl zu berühmt für uns": Die vier Touristen Banban (23, Philippinen), Elmear (24, Irland), Craig (27, Australien) und Ramesh (25, Indien, von links nach rechts) sind an der härtesten Tür Berlins im Berghain gescheitert. Foto: Mike WolffWeitere Bilder anzeigen
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Berlin wird für sie schließlich zu einer Stadt „für gewisse Lebenslagen“, ist ein Fest fürs Leben. Hier spürt man das „tosende Europa“, „das Durcheinander der verschiedenen Sprachen“, den Reiz des Bohème-Lebens, das sich hier besser als anderswo führen lässt. „Diese Künstler sind zwar nicht künstlerisch aktiv, aber egal, sie leben in den Tag hinein, ziehen von einer Bleibe zur nächsten und sammeln ihre Möbel von der Straße auf.“

Das In-den-Tag-Hineinleben ist das eine, das Nachtleben das andere. Drei Kapitel von „Bonjour Berlin“ sind mit dem Namen von Clubs überschrieben. Neben dem Berghain (und der sich hier befindenden PanoramaBar) sind es die an der Spree gelegene Bar 25, die mindestens so berühmt ist, aber nicht mehr existiert, und das Golden Gate, das mit seiner Lage unter dem S-Bahnbogen an der Jannowitzbrücke zwar mehr ein Club für Eingeweihte ist, nichtsdestotrotz viele Touristen anzieht.

Oscar Coop-Phanes Blick auf die Läden ist nicht besonders originell: „Viel Leder und jede Menge Oberlippenbärte“ entdecken seine Protagonisten im Berghain; oder eine „überschaubare Szene“ und „eine Partygemeinde, Gleichgesinnte, die mit vollem Einsatz dabei sind und ordentlich auf den Putz hauen“ im Golden Gate. Wer die Clubs kennt, wird sich hier sofort wiederfinden; erstaunlich ist, wie wenig literarische Freiheiten sich der junge französische Autor bei seiner Schauplatzbeschreibung nimmt, selbst der Garten des Golden Gate fehlt nicht. Dennoch illustriert das Geschehen in den Clubs mit ihren vielen „Druffis“ das Lebensgefühl und die Lebensweise seiner Protagonisten: Drogen, schneller Sex, die Suche nach der großen Liebe, der immerwährende und stetig erfolglose Versuch, auszusteigen.

Nicht zuletzt gibt es bei dem Tagebuch führenden Armand, Coop-Phanes mutmaßliches Alter Ego, das Bestreben, „ein wirklicher“ Künstler zu sein. Als Maler hat er am Ende des Romans gar eine Art Entwicklung durchgemacht und erkennt: „Ich muss meine eigene Zeit besser einfangen, weil meine Bilder hier und jetzt entstehen, und deswegen sollen sie auch meine Epoche widerspiegeln.“

Dem Schriftsteller Coop-Phane ist das mit seinem Roman leidlich gelungen – sieht man von der einen oder anderen Redundanz und einer gewissen stilistischen Schlichtheit ab. „Bonjour Berlin“ muss man nicht gleich zum Generationsroman erklären, zur „Entdeckung des Jahres“ gar, wie der französische Kollege Frédéric Beigbeder gönnerhaft jubelt. Auch die Radikalität eines Bret Easton Ellis seinerzeit mit „Unter Null“ hat das Buch nicht. Aber das Dokument eines Berliner Lifestyles, eines von Neu- und Gelegenheitsberlinern geprägten Lifestyles ist es allemal.

Oscar Coop-Phane: Bonjour Berlin.

Roman. Aus dem

Französischen

von Christian Kolb.

Metrolit Verlag,

Berlin 2013.

204 Seiten, 18, 50 €.

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