Kultur : Szenen einer Ehe

Nam June Paik und seine Apparate – eine Ausstellung in der Berliner Galerie Vostell

Ulrich Clewing

Der erste Unfall des 21. Jahrhunderts ereignete sich bereits im Jahr 1962. Er trug sich auf offener Straße zu, beteiligt waren ein New Yorker Autofahrer sowie ein Roboter, gesteuert von dem damals 30-jährigen Nam June Paik. Wobei der Ausdruck nicht ganz zutreffend ist: Paik hatte die Kontrolle über den „Robot“ verloren. Das von ihm konstruierte lebensgroße Monstrum aus Stahl und Draht war um die Ecke geflitzt und dabei vom Bürgersteig auf die Fahrbahn geraten. Im selben Moment schepperte es schon, sehr zur Verblüffung des Autofahrers – und sehr zur Freude des Künstlers, der darin spontan nicht etwa einen Verlust, sondern eine wundervolle Chance sah, zumal alles auf Video aufgenommen war.

Dieses inzwischen zu kunsthistorischer Berühmtheit gelangte Material sollte drei Jahrzehnte später noch einmal in einem Werk Paiks auftauchen. „Crash Robot“ von 1994 besteht aus einem Filmstill auf Leinwand, zwei Spielzeug-Autos und dem alten stark grün- und blaustichigen Videoband, welches derzeit in der Galerie von Rafael Vostell auf einem beigestellten Fernseher zu sehen ist (105 000 Euro). Und der Berliner Galerist hat noch eine ganze Reihe anderer Skulpturen und Materialassemblagen des gebürtigen Koreaners im Angebot. Fast alle stammen aus den frühen Neunzigern und befanden sich bislang in einer italienischen Privatsammlung, deren Patronin pekuniär anscheinend ein wenig ins Schlingern gekommen ist.

Denn leicht dürfte ihr die Entscheidung, sich von diesen Stücken zu trennen, nicht gefallen sein. Stilistische Überraschungen sind bei einem wie Paik zwar nicht unbedingt zu erwarten, und doch verströmen die relativ kleinen und relativ einfachen Werke einen anarchischen Charme, der bezwingend ist und an die überaus kreative frühe Phase des Fluxus-Veteranen denken lässt. Der studierte Musikwissenschaftler Paik hatte schon immer ein ambivalentes Verhältnis zu elektronischen Medien, generell zu elektrischen Geräten jeder Art. Er hat sie geliebt und belächelt, zerstört und wieder zusammengebaut, hat sie geistreich animiert und gleichzeitig in ihrer Stumpfheit decouvriert.

Und mit der Zeit ist daraus so etwas wie eine alte Ehe geworden: Ohne seine Apparate, Fundsachen und Bildarchive kann und will Paik nicht, aber mit ihnen hat er auch so seine Schwierigkeiten. Und so verbinden sich auch hier das Spielerische und das Kritische, Verehrung und Distanz, asiatische Opulenz und westliche Ironie auf unnachahmliche Weise. Deutlich wird das zum Beispiel bei der Hommage an David Bowie von 1993 (44 000 Euro) oder dem lyrischen, rührend kitschigen Testbild-Herz aus dem Jahr 1991 („Thinking of you“, 64 000 Euro). An die chaotischen Happenings der Sechzigerjahre erinnert wiederum die zerbrochene Violine im Plexiglaskubus, die Paik 1984 seiner verstorbenen künstlerischen Partnerin und Lebensgefährtin Charlotte Moorman widmete (31 000 Euro).

Es ist nicht das einzige Memento Mori in dieser Ausstellung, denn die Schau ist auch so etwas wie eine Erinnerung des Künstlers an sich selbst. Seit er vor einigen Jahren einen Schlaganfall erlitt, gibt Paik für die großen Installationen seinen Assistenten Anweisungen, kleine Werke entstehen gar nicht mehr. So betrachtet ist diese Zusammenstellung etwas ganz Besonderes: Sie zeigt die letzten eigenhändigen Arbeiten eines Klassikers zu Lebzeiten.

Galerie Vostell, Im Pfefferberg, Schönhauser Allee 176, bis zum 5. April; Dienstag bis Sonnabend 12-18 Uhr.

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