Kultur : Täglich neu

Humboldt-Universität: Barenboims Mosse-Lecture

Sybill Mahlke

Ob Musik, Politik, Israel oder eine neue Identität Berlins, die dringend zu finden sei – alles, was Daniel Barenboim an diesem Abend bewegt, alles Nachdenken über die Zukunft „kann nur mit Kultur und Bildung zu tun haben“. Die Mosse Lectures der Humboldt-Universität zu Berlin, die in Erinnerung an den Faschismus-Historiker George L. Mosse stattfinden, eröffnet der GMD der Lindenoper in diesem Wintersemester mit „Die Musik und das Leben“. Er hat kein Manuskript dabei, aber in der freien Rede wird die Thematik sehr anschaulich. Wir wissen, dass Barenboim seine Forderungen als Geisteskopf und Tatmensch umsetzt, indem er Projekte für Musikerziehung in den palästinensischen Gebieten initiiert und den West Eastern Divan Workshop weiterführt, den er mit dem Literaturwissenschaftler Edward Said gegründet hat.

Musik: Was ist Klang? Alles und nichts, laut Busoni klingende Luft. Das Staunen, das Barenboims beste Aufführungen erfüllt, die Neugier, die zu seiner Größe gehört, klingen uns aus den Definitionen entgegen: Von der Stille, aus der plötzlich Klang aufsteht, von der Schwierigkeit, Klang anzufangen, von der Fähigkeit zur Kontrolle, aus der Stille Klang zu entwickeln. Wie bringe ich den Ton zur Stille oder zum nächsten Ton? Energie heißt die innerste Notwendigkeit Barenboims und – Mut. Kämpfen, dass der Ton nicht stirbt. Mut zu einem subito piano, Mut gegen Bequemlichkeit. Das hat für ihn mit Erziehung des Menschen zu tun.

Erwünschte Fragen aus dem Auditorium mühen sich durch die grotesk beklagenswerte Mikrofonanlage des ehrwürdigen Senatssaals. Opernregie: Erneuerung durch Fantasie sei unbedingt nötig. Wagnerstreit: „Schrecklich“, dass dieses Thema in Israel zum Politikum geworden sei. Globalisierung: Alle Orchester müssten nicht gleich klingen, aber jedes habe nun die Möglichkeit zu einer breiteren Palette als früher. „Täglich von vorn, das macht das Leben des Musikers so reich.“ Auch wenn es auf einer Tournee um zehn Mal Eroica geht.

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