• Tägliche Serie, Folge 2: Kulturcheck - ein Londoner testet Berlin, heute: Kreuzberg Babylon

Tägliche Serie, Folge 2 : Kulturcheck - ein Londoner testet Berlin, heute: Kreuzberg Babylon

Das Berlin-Experiment geht weiter: Mark Espiner vom "Guardian" ist zwei Wochen beim Tagesspiegel zu Gast und bespricht online jeden Tag Berliner Kulturereignisse. Diesmal kommt er uns babylonisch.

Mark Espiner

Erstmal vielen Dank. Vielen Dank für alle Eure E-Mails. Zum Beispiel haben mir die selbsternannten Berliner Szene-Pulsfühler von Artists Anonymous ihre Tipps in einer kryptischen Botschaft geschickt, und dazu habe ich hoch viele andere brillante Vorschläge von vielen von Euch bekommen – vielen Dank, Frank, für den Knacker-Tipp! Bitte, schickt mir unbedingt weiter Eure Mails. Für den kommenden Mittwoch habe ich jetzt außerdem das Shantel & Bucovina Club Orkestar auf meiner Liste (Danke, Tanja).

Katharina schrieb mir, dass sie Quentin Tarantino im Monsieur Vuong gesehen hat, dem vietnamesischen Restaurant in der Alten Schönhauser Straße – das Restaurant sollte ich mir offensichtlich mal anschauen. Hat noch jemand den Blut-und-Knochen-Regisseur irgendwo entdeckt? Wenn ja, dann hängt doch einen Kommentar an meinen Text oder schickt mir eine kurze Mail an mark@espiner.com. Dann finden wir raus, ob ER auch die volle Berlin-Erfahrung macht.

Und vielen Dank auch an Sunny_M für den Vorschlag mit der Sucuk-Wurst. Mehr dazu später…

Sarah Kane ist praktisch deutsch

Also: Als erste kulturelle Standortbestimmung habe mich mir am Montag „Gesäubert“ von Sarah Kane an der Schaubühne angesehen. Und bevor Ihr mich jetzt dafür beschimpft, das Stück einer englischen Autorin gewählt zu haben, bei dem ein Australier die Regie geführt hat, und das auch noch in einem Theater, das manchmal englische Untertiteltafeln verwendet, lasst mich eines klarstellen: Ihr Deutschen habt Sarah Kane praktisch adoptiert. In Deutschland ist sie viel bekannter als in Großbritannien.

Warum ist das wohl so? Das Bühnenbild war außerordentlich, die Leistung der Schauspieler brillant und der Inhalt des Stücks war düster: Verstümmelung, herausgeschnittene Zungen, Kastration, jemand spritzt sich Heroin ins Auge, viel nacktes Fleisch und Sex mit Toten. In England würden wir vor so etwas gewarnt werden, bevor wir überhaupt ins Theater gehen. Es würden extra Schilder deshalb aufgehängt. Ganz anders an der Schaubühne: Da gab es keine Warnung, dass Zartbesaitete möglicherweise schockiert sein könnten. Ich mag das. Diese unerwartete Brutalität hat das Stück viel eindrücklicher gemacht. Ich mag diesen Mangel an Schutz, den Ihr Berliner anbietet. Das ist gesund.

Und ich kann Euch sagen, es macht wirklich Spaß, in Berlin herum zu laufen, ohne dabei 24 Stunden am Tag von Überwachungskameras gefilmt zu werden. In London sind sie eine echte Pest – auf 14 Leute kommt eine Kamera – und ich fühle mich jetzt schon viel freier, weil sie mir hier nicht aus jeder Ecke entgegenstarren.

Deutsch, türkisch - und wieder englisch

Jetzt aber zu einem ernsthafteren Thema. Der Wurst. Die türkische Sucuk, auch bekannt als Knoblauchwurst, besteht aus Rindfleisch und ist leicht salzig und ein bisschen ölig. Diese kurze, kompakte Wurst ist wohl eine Spezialität aus Afyon in der Türkei, aber ich habe sie in dem Berliner Viertel probiert, das – so hat man es mir gesagt – Klein Istanbul genannt wird. Die Sucuk wurde dünn geschnitten und dann in einem Brot mit Salat und scharfer Soße serviert – köstlich.

Das war außerdem der perfekte Appetithappen für einen großartigen Film. Pazar, der Markt, habe ich mir am Dienstag im Babylon in Kreuzberg angesehen. Ein deutscher Film, der eine türkische Geschichte erzählt, bei der der Engländer Ben Hopkins Regie führt. Entdecke ich hier gerade einen Trend zum kulturellen Multinationalismus in Berlin? Wie auch immer, wenn ich Euch einen Rat geben darf: Geht, und schaut Euch den Film an. Er ist großartig. Und noch besser mit einer Sucuk im Bauch.

Aus dem Englischen übersetzt von Ruth Ciesinger.

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