Kultur : Tänzeln auf dem Vulkan

Peter Konwitschny verpuppt Mozarts „Così fan tutte“ an der Komischen Oper Berlin

Christine Lemke-Matwey

Das Pendel schlägt zurück an der Behrenstraße, eindringlich, unaufhaltsam – und dies erfüllt einen mit Zuversicht. Zunächst jedenfalls. Die Komische Oper, republikweit das Haus mit der klügsten, bodenständigsten und profiliertesten Regietradition (von Felsenstein bis Neuenfels, von Herz über Kupfer bis Calixto Bieito), sie hat musikalisch aufgerüstet. Vorbei die Zeiten eines Regie-Regietheaters, dem mehr oder weniger willige Musiksklaven zu Diensten standen. Lang vorbei auch die Zeit, die behauptet, das jeweils eine sei nur ohne das jeweils andere zu haben. Überhaupt: Seit wann macht ausgerechnet schöne, schönste Musik unsere Köpfe dumpf und leer gegen die Wirren, Freuden, Wunden dieser Welt?

In Mozarts „Così fan tutte“ gibt es sehr viel sehr schöne Musik, und kaum hat Kirill Petrenko den Stab zur Ouvertüre erhoben, vibriert förmlich die Luft. Einmal Tusch, zweimal Tusch, staubtrocken, fast keuchend intoniert, zwei schallende Ohrfeigen ins Gesicht jedes molligen Wohllauts, dann den auskomponierten Stücktitel, jene halb altbackene, halb zynische Rätsel-Moral von der Geschicht’, eher leisetreterisch, flüchtig, fragend angefasst – schon hebt sich der Vorhang, und Mozarts „Theaterspielwerk“ nimmt rasselnd seinen Lauf.

Hier sitzt jedes Tempo, die Phrasierungen atmen, ohne es mit der Rhetorik zu übertreiben, und mögen sich die Hammerflügel-Rezitative bisweilen auch in die Länge recken, so geht der Drive, der Zug doch nie verloren. Fast ist man geneigt (was für ein Kompliment!), an Fritz Buschs Mozart-Wundertaten im alten Glyndebourne zu denken, auch wenn den Streichern der Komischen Oper noch Körper fehlt und Süße. Umso geschmeidiger, beseelter – hier eben zeigt sich Petrenkos Aufbauarbeit! – das Piano der Bläser.

Satte vier Stunden und etliche hinreißende Arien und Ensembles später (es werden nahezu alle handelsüblichen Striche in der Partitur wieder aufgemacht) heißt es erneut „così fan tutte“, „so machen’s alle (Frauen)“. Und auch diesmal, da Don Alfonso, der Philosoph, sie aussprechen darf, triumphiert die Phrase nicht, zeigt sie keinerlei Häme, schlägt sich niemand auf die Schenkel.

„Così fan tutte“, eine Ernüchterung. Ein Achselzucken. Quod erat demonstrandum. Und rasch noch, der lieben Form und Freundlichkeit halber, ein atemlos über die Ziellinie purzelndes Finale drangepappt. Als hätten wir es nicht schon immer gewusst: dass es im Ernstfall nicht weit her ist mit unseren Liebesschwüren und der Treue bis in den Tod. Und als wüssten wir nicht auch, dass eben dieses Wissen uns zuallerletzt aufhilft. Jeder gebrochene Schwur, jeder noch so schäbige Verrat kann uns das Leben kosten, sagt Mozarts Musik, und Petrenko hat eine weit verlässlichere Affinität zu diesen ernsten Stellen als Peter Konwitschny, der Regisseur, den sie offenbar eher ratlos stimmen. Um das Geist-Fleisch-Dilemma, den Spagat zwischen anarchischem Triebgebaren und gesellschaftlicher Konvention in seiner ganzen Fatalität festzuhalten, endet dieses dramma giocoso exakt dort, wo es anfing. Keine Entwicklung, nicht die Spur einer erotischen Revolution: Wir sind und bleiben unsere eigenen Opfer.

Vielleicht sieht Don Alfonso in seinem geschwärzten Rokoko-Dress ja deshalb so aus, als wäre er – Mozarts Alter Ego? Don Giovannis gespenstischer Bruder? – justament einem Salzburger Kohlenkeller entstiegen (Kostüme: Michaela Mayer- Michnay). Dreimal mindestens darf Dietrich Henschel sich, peng, peng, die Kugel geben, und dies scheint nötig zu sein, um die Existenzialität des Experiments zu untermauern (zwei Männer, so will es da Pontes Libretto, stellen ihre Frauen auf die Liebesprobe und fallen am Ende selber durch). Stimmlich nämlich fehlt Henschel, dem deutschen Lieder-Bariton, für die Partie alles Böse, auch Schmerzliche, jede schneidige Italianità. Papiern, mit herabgezogenen Mundwinkeln hagestolzt er durchs Geschehen. Man wundert sich, warum ein so emphatischer, herzwärmend lyrisch timbrierter Mozart-Tenor wie Johannes Chums Ferrando und ein so niedlich-knackiger, sämtliche Eingeweide zum Swingen bringender Charmebolzen wie Michael Nagys Guglielmo sich ausgerechnet von diesem Untoten ins Bockshorn jagen lassen . . .

Den Frauen bleibt es vorbehalten, den Spieß lustvoll umzudrehen: Maria Bengtsson als seelchenhafte Fiordiligi mit großem, silbrig flutendem und dramatisch substanziellem Sopran (eine beklommenere, in ihrer Selbstbeschwörung zurückgenommenere Felsen-Arie hört man wohl selten!), Stella Doufexis – nach anfänglichen Irritationen im biegsamen Mezzo – als Funken sprühende, zickige Dorabella. Komplettiert wird das Mozart-Ensemble, das als solches gar nicht lauthals genug gefeiert werden kann, durch den überaus präzisen Chor (Einstudierung: Robert Heimann) und Anne Bolstads resolute Despina: keine Soubrette für diesmal, sondern ein Charaktersopran, der für die nötige Buffa-Erdung sorgt.

Das Großartige wie Bestürzende an dieser einhellig bejubelten Premiere: Wie viel Wahrheit in der Lüge wohnt, und wie viel echtes Gefühl das falsche Spiel regiert, das lässt sich über weite Strecken hörend klarer fassen als sehend. Die Musik kommt in ihrer Tücke, ihrem Zauber, ihren Doppelbödigkeiten hier über die Szene, und das will für eine Konwitschny- Inszenierung etwas heißen. Gewiss, der Raum, den Jörg Koßdorff gebaut hat, ist eine Hypothek: ein bisschen Barockbühne, ein bisschen Boulevardtheater, und wenn im zweiten Akt die Säfte schießen, dann glüht der Bühnenboden unterm riesigen Puff-Spiegelrund wie ein Induktionsherd so rot und so heiß. Ob Konwitschny nun die Puppen tanzen lässt, indem er den Liebenden ihre Angebeteten als kleine Stoffgesellen in die Hand drückt, oder ob sich die Türkenverkleidung nebst monströsen Turbanen und karierten Pantoffeln auf ein synthetisches Tiger- respektive Leopardenfell beschränkt: Die Heiterkeit wirkt erschreckend hinfällig. Wenn ich schon nicht fröhlich bin und leicht, ruft der Regisseur seinen Figuren zu, dann seid ihr es bitte!

Die typischen Konwitschny-Stellen aber, jene, an denen er die Verletzten und Verlorenen zärtlich in seine Obhut nimmt, sind rar. Im ersten Finale, ja, wenn Fiordiligi kraft ihrer Koloraturen dem Unvermeidlichen zu entkommen sucht, und die Natur – Blitz, Donner, Sturm – sich auf tosender Drehbühne auch ihrer bemächtigt; im zweiten Akt, ja, wenn die Männer sich ihr wechselseitiges Unglück eingestehen, in langen Unterhosen, zwei Ritter von der erbärmlichsten Gestalt. Der große Rest will Operette sein und tänzeln auf dem Vulkan – und stürzt doch ab, ins Putzige, Alberne, tatsächlich dann Todtraurige. Weil menschliches Begehren immer albern ist, todtraurig und putzig? Am Ende flackerndes Saallicht, eine kurz unterbrochene Musik und ein Angebot zur Güte: Alle lieben alle! Dazu fällt uns mit Mozart Heiner Müller ein: Teils lüg’ ich, teils sag ich die Wahrheit, aber ich finde besonders die Lügen so hübsch.

Wieder heute und am 27. 11., 19 Uhr.

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