Kultur : Tänzeln auf dem Vulkan

Wenn Musik politisch wird: zum Abschluss des Berliner Festivals „Young.Euro.Classic“

Christiane Peitz

Wie Derwische fegen die israelischen Musiker durch die Partitur. Ravels „La Valse“, ein Tanz auf dem Vulkan. Mal wirbelt man auf Zehenspitzen um die eigene Achse, mal wird nach Kräften aufgestampft: ein schriller Spaß, eine Fun-Maschine, die außer Kontrolle gerät und vergnüglich ins Verderben marschiert.

Ekstase und Implosion: Solche mit Eleganz gepaarte Endzeitstimmung traut man jungen Musikern gewöhnlich nicht zu. Aber das Studentenorchester der Buchmann-Mehta-Musikhochschule aus Tel Aviv (das mit dem Israel Philharmonic Orchestra kooperiert) hatte schon in Béla Bartóks Divertimento für Streichorchester eine derart irrwitzig trotzige Fröhlichkeit an den Tag gelegt, dass man sich die Augen reibt. Sind die wirklich noch am Lernen? Und wie klingen sie erst, wenn sie Profis sind?

Allein die von Zeev Dorman so cool wie präzise dirigierten feinnervigen Wechsel: eben noch sattes Tutti, dann gestochen scharfe Rhythmen und wild auffahrende Protestnoten, die der zittrig-fahlen Chromatik von Bartóks Mittelwatz weichen. Dieses Orchester hat längst einen unverwechselbaren Klang, eine Handschrift.

Musik unter Schock, Nachhall von Terror und Krieg, Ausdruck von Wut und Verzweiflung. Aber Ravel und Bartók verteidigen auch die Sehnsucht, das Recht jeder Gesellschaft auf Spaß und ein Leben ohne Gefahren, ob im Nahen Osten oder anderswo auf der Welt. Ein besserer Abschluss des diesjährigen „Young.Euro.-

Classic“-Festivals im Berliner Konzerthaus lässt sich kaum denken. Denn zum einen war die Gesamtqualität der 15 Konzerte, glaubt man den Stammgästen, deutlich höher als im Vorjahr. Zum anderen spielten die Jungen diesmal vor allem ihnen Gemäßes – mehr Mozart, Schumann, Prokofjew – und verhoben sich kaum noch an sie überfordernden Werken.

Und drittens darf die Politik im erweiterten Klassikbegriff des Festivals ruhig eine Rolle spielen, als ästhetische Kategorie ebenso wie bei der Wahl der Gäste – drei Tage vor den Israelis spielten die Syrer. Und auch die Grußworte der Paten formulierten oft mehr als nur den Allgemeinplatz vom Brückenschlag der Musik. So las am letzten Festivalabend Dominique Horwitz dem Publikum die Leviten, indem er knapp und scharf vermerkte, Patesein bedeute Verantwortung und er sei Jude. Ob er deshalb auch für Al Qaida verantwortlich sei, wie viele meinten?

Welche Bläser spielten die von Nina Šenk komponierte Festivalhymne am besten? Welche Musiker waren Top: die Spanier, die Israelis oder das European Youth Orchestra mit seiner energischen Fünften von Mahler? Wer nimmt es mit der Leichtigkeit der Niederländer bei Mahlers Vierter auf? Tut man den Klassik-unerprobten Syrern einen Gefallen, wenn man sie aufs hehre Festivalpodest hievt? Wie klingt europäische Musik bei außereuropäischen Ensembles? Welche Solisten galt es zu entdecken, außer der holländischen Geigerin Janine Jansen und Pavel Sokolov, künftig Solo-Oboist beim DSO? Wer hatte, neben dem Norweger Magnar Åm als Sieger des Europäischen Komponistenpreises 2006, auch noch das Zeug für die Auszeichnung? Und, von wegen kulturelle Differenz: Machen die Dirigenten nicht den größeren Unterschied?

Das Schöne am sechs Jahre alten Festival ist nicht nur die bewährte locker-festliche Stimmung am Gendarmenmarkt, sondern dass es sich all diesen Fragen auf hohem Niveau neugierig stellt. Eine Erfolgsbilanz: 13 von 15 Konzerten waren ausverkauft, mit knapp 24 000 Besuchern tendiert die Auslastung gegen 100 Prozent. Und im Parkett spricht man hebräisch und arabisch, russisch und englisch, finnisch und italienisch.

Aus dem Berliner Sommer ist „Young.Euro.Classic“ nicht mehr wegzudenken. Neben Sponsorenmitteln kamen dieses Jahr 55 000 Euro aus dem Hauptstadtkulturfonds des Bundes und 40 000 Euro aus dem Berliner Landeshaushalt. Die Förderung sollte verstetigt werden. Denn das Festival ist längst mehr als ein städtisches Ereignis.

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