Kultur : Tänzelnd der Freiheit entgegen

MARKUS KRAUSE

Sie waren fast fünfzig, als sie sich kennenlernten, und hatten jahrzehntelang in Berlin gelebt, ohne voneinander Notiz zu nehmen.Kein Wunder: Ernst Wilhelm Nay (1902-1968), der Hofer-Schüler, und Hans Uhlmann (1900-1975), der Diplom-Ingenieur, der in den späten 20er Jahren als Autodidakt begonnen hatte, Metallplastiken zu schaffen, waren unter dem Nationalsozialismus alles andere als wohlgelitten gewesen.Nur in völliger Isolation hatten sie sich ihrer Kunst widmen können.Als sie sich dann 1949 begegneten, standen beide am Beginn einer steilen Karriere und zählten schon bald zu den wichtigsten deutschen Nachkriegskünstlern.Die damals geknüpfte, lebenslange Freundschaft nahm Dieter Brusberg zum Anlaß für die jetzige Ausstellung, sie ist - man mag es kaum glauben - die erste Doppelausstellung überhaupt, die bisher von Uhlmann und Nay gezeigt wurde.

Uhlmann und Nay - hätte eine solche Schau nicht schon früher nahegelegen? Brusberg hegte diesen Wunsch schon lange, schon seit über zwanzig Jahren.Nays Gemälde sind auf dem Kunstmarkt Dauerbrenner, aber teuer.Uhlmanns Plastiken hingegen, bei denen es sich fast immer um Unikate handelt, sind kaum zu finden.Ohne den guten Kontakt zu den Nachlässen der Künstler, die jetzt fast das gesamte Material zur Verfügung stellten, wäre die Ausstellung sicher nicht auf so hohem Niveau realisierbar gewesen.Herausgekommen ist nicht irgendeine Dokumentation einer Künstlerfreundschaft (übrigens einer Freundschaft über eine große räumliche Distanz hinweg, denn Nay lebte nach dem Krieg zunächst in Hofheim im Taunus und ab 1951 in Köln, während Uhlmann zeitlebens in seiner Heimatstadt Berlin blieb), sondern eine museale Präsentation mit zum Teil wunderschönen Stücken.Allein 17 Gemälde von Nay (ab 225 000 DM) und 27 Plastiken von Uhlmann (ab 60 000 DM) aus allen Schaffensphasen machen diese Schau zu einer Doppel-Retrospektive.Schade jedoch, daß gerade die frühen, filigranen Werke des Plastikers, die sich in tänzerischem Schwung vom Boden erheben, von der Ausstellungsarchitektur teilweise förmlich erdrückt werden.Sie brauchen viel Raum, damit sie sich in ihrem rhythmischen, melodischen Spiel frei entfalten können.

Tanz, Rhythmik, Melodik, das sind die entscheidenden Stichworte.Sie treffen auf beide Künstler zu, zumindest in bestimmten Phasen.Interessanterweise vor allem in den späten 40er und frühen 50er Jahren, der Zeit also, in der ihre Freundschaft begann.Nay schuf damals seine "Fugalen Bilder" aus rhythmisch verschränkten, sich überlagernden Farbformen, abstrakt zwar, aber doch von einer großen Zeichenhaftigkeit der klar umrissenen Bildelemente.Sie waren eine entscheidende Weiterentwicklung der Arbeiten aus den späten 30er Jahren, in denen sich Nay besonders am flächenhaften, abstrahierenden Spätstil von Ernst Ludwig Kirchner orientiert hatte.Jetzt, ein halbes Jahrzehnt nach dem Krieg, war der Weg frei für eine Autonomie der malerischen Mittel, die ihn bis zu seinem Lebensende auf immer neue Weise beschäftigen sollte.Heiter und beschwingt startete Nay in die 50er Jahre.

Bei Uhlmann war es geradezu umgekehrt.Auf seine streng konstruktiven Köpfe aus Eisenblech der 30er Jahre folgten unmittelbar nach dem Krieg leichte, lineare Gebilde aus Metallstäben, die Werner Haftmann einmal treffend als "Arabesken im Raum" bezeichnete.Anfang der 50er Jahre begannen sie sich allmählich zu verfestigen; in ihrer bewegten Zeichenhaftigkeit bilden sie eine nahezu ideale Entsprechung zu den Gemälden.Hier ist die Ausstellung denn auch am schönsten, denn hier, an diesem Punkt, kreuzen sich die Wege der Künstler, um sich dann im folgenden immer weiter auseinander zu bewegen.

Aber tun sie das wirklich? Sicher, Uhlmanns Stahlplastiken werden im Laufe der Jahre immer massiver, während Nay in seiner Malerei eine immer größere Leichtigkeit und Immaterialität gewinnt.Und doch widmen sich beide der gleichen Sache, nur mit verschiedenen Mitteln.Beiden ging es um eine Gestaltung, die den Bedingungen des jeweiligen Mediums entspringen sollte, Uhlmann um das Räumlich-Plastische, Nay um das Flächenhaft-Malerische.Beide suchten nach größtmöglicher Freiheit, Freiheit vom Naturvorbild wie auch Freiheit von sich selbst, um eine möglichst konkrete, eigenwertige Kunst zu schaffen.Daß Uhlmanns Spätwerke zum Teil an Fetische erinnern und auch das Säulenmotiv zitieren, während Nay seine Bilder bis zuletzt mit organisch geschwungenen Formen gliederte, bildet hierzu keinen Widerspruch.Nur durch einen Rest an Bindung konnten sie ein Höchstmaß an Freiheit erreichen.Vielleicht ist dies die Leistung, die sie zu wirklich bedeutenden Künstlern macht: bei allem Elan nie den alles entscheidenden Punkt überschritten zu haben, hinter dem jede künstlerische Freiheit zur Beliebigkeit, jede Gestaltung zum bloßen Dekor verkommen muß.

Galerie Brusberg, Kurfürstendamm 213, bis 18.Juli; Dienstag bis Freitag 10-18.30 Uhr, Sonnabend 10-14 Uhr.

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