Kultur : Tänzerin und Bandit LESERJURY LEXIKON

FORUM Eine Retro ehrt Keisuke Kinoshita Bä|ren|fal|le (f).

Helmut Merker
Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Tokio, ein ruhiges Viertel, hier leben einfache Leute, hier treffen sie sich zu Diskussionen, zu Klatsch. Man überlegt, ob man ein Badehaus weiterführen kann, das kaum noch Gewinn abwirft, oder aufs Land ziehen soll, weil dort das Überleben leichter ist. Abseits, ein Tête-à-Tête eines jungen Paares, das erst eines werden will, aber die Mütter haben Einwände. Er ist Pilot und wird bald ein Kampfflugzeug fliegen, das gebiete der „Respekt vor dem Vaterland“. Die Freundin runzelt ganz leicht die Stirn. Nichts weist in dem Film auf Propaganda hin, Anlass zum Jubel gibt es in „Jubilation Street“ (1944) keinen. Zum Abschied zitieren die beiden die Verse: „Zwei Wolken rücken einander näher, dann verschwinden sie im blauen Frühlingshimmel.“ Das sind Genrebilder einer Lebensidylle, die durch den Krieg in Trauer und Resignation erstarrt.

Nicht besser geht es der Frau in „Engagement Ring“ (1950), die zwischen Pflicht und Liebe ihre Lebensfreude verliert, oder dem Jungen, der in „Farewell to Dream“ (1956) Abschied von seinen Illusionen nehmen muss.

Zum vierten Mal hintereinander bietet das Forum die Entdeckung eines Altmeisters des japanischen Kinos: Keisuke Kinoshita (1912– 1998) arbeitete vor allem für das Studio Shochiku. Er drehte 49 Filme, „Jubilation Street“ ist ein Beispiel des „Shomin-geki“- Genres, das die kleinen Alltagsdramen von Mittelklassefamilien darstellt. Wie die Personen ihre Krisen hinnehmen, so registriert die Kamera ihre Haltung: ohne technische Tricks, in langen ruhigen Einstellungen. Aber Kinoshita lässt sich nicht auf einen Stil festlegen: nichts ist mehr von elegischer Stille in „Woman“ (1948) zu spüren.

Hier jagen Toshiko und Tadashi, die Tänzerin und der Bandit, wie von Furien gehetzt durch die Gegend und durch den Tumult ihrer Gefühle. Ihm wird gerade mal wieder der Boden unter den Füßen zu heiß, auf seiner Flucht will er sie weiter an sich binden, und das heißt: Er setzt Schmeicheleien und Drohungen, sinnliche Anziehungskraft und geheuchelte Moralbekenntnisse ein. Ungewöhnliche Kamerawinkel, harte Kontraste, Detailaufnahmen verzerren die Dinge und zerstören jede Sicherheit. Ihr Duell führt die beiden zu atemloser Hast per Eisenbahn, Lastwagen und zu Fuß; elementare Gefühle wie Angst, Hass, Liebe finden ihre äußere Entsprechung durch drohende Schatten, schwarze Tunnel, die alles verschlucken, Bambuspflanzen, die wie Gefängnisgitter wirken. Sie will von ihrem Liebhaber freikommen, und das heißt: Sie muß sich von ihm losreißen.

Auch in „A Legend or Was It?“ (1963) stehen Frauen im Mittelpunkt. Nicht zufällig erinnert der Titel an einen der berühmtesten Sätze der Filmgeschichte: „Wenn die Legende zur Wahrheit wird, drucken wir die Legende.“ Das ist aus „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“, der zwei Jahre früher gedreht wurde. Kinoshitas Filme stecken voller Westernmotive. Inmitten einer großartigen Landschaft haben sich ein paar Flüchtlinge vor dem Krieg auf ein Anwesen zurückgezogen. Die Gefahr kommt nicht von den Indianern, sondern vom Großgrundbesitzer. Dessen Sohn fällt über die schöne Tochter der Fremden her, eine Freundin kommt ihr zu Hilfe, die beiden erschlagen den Übeltäter. Der Fremdenhass des ganzen Dorfes bricht sich Bahn. Die Angegriffenen wehren sich mit Flinten. Die fehlende Erfahrung in diesem Genre merkt man dem Tonmann beim Knall der Gewehrschüsse und den Darstellern beim Reiten an.

Wie im klassischen Western geht es um Chaos und Ordnung, Individuum und Gesellschaft. Aber anders als in Amerika wird hier nicht die Liebe zu den Legenden betont. Im Prolog und Epilog – in Farbe – wird darauf verwiesen, dass sich, zur Zeit der Atombomben auf Japan und zwei Tage vor der Kapitulation, in diesem idyllischen Gebiet Gräueltaten abgespielt haben, die viele gern als Legende abtun würden. Sie dürfen aber nicht vergessen werden und werden daher noch einmal – in Schwarz-Weiß – dokumentiert. Klar, dass es da am Ende keinen Ethan Edwards alias John Wayne als Retter geben kann. Helmut Merker

bis 12.2., 22.30 Uhr (Arsenal 1); 13. bis 17.2., 14 Uhr (Delphi)

Jutta Kommnick, 50.

Wohnt in Neukölln und produziert Hörspiele.

Mein Berliner Lieblingskino...

... ist das Kino International.

Wenn mein Leben ein Filmset wäre...

... würde ich die Kinderbetreuung bei Kinderfilmen machen. Dafür würde mein Herz schlagen. Oder ich würde das Casting leiten.

Meine Traumpartnerin vor der

Kamera...

... wäre Bibiana Beglau.

Zwischen den Filmen gehe ich ein Bier trinken mit...

... meiner Freundin. Aber oft gehe

ich auch alleine etwas trinken. So direkt nach dem Film brauche ich

ein bisschen Zeit, um darüber nachzudenken, was ich eben gesehen habe, da kann ich nicht gleich reden. Das verfälscht mein Ergebnis.

Der nervigste Kinosnack...

... diese Nachos, die stinken und sind total laut. Aber egal ob Popcorn, Chips oder Gummibärchen – alles, was raschelt, geht gar nicht.

Tellereisen meist mit Zackenrand und Schnappmechanismus. Als Wildfalle in der EU seit 1995 verboten. Im Berlinale- Wettbewerb trotzdem erlaubt und gleich zweimal am Schauplatz Kanada vertreten, in Arslans „Gold“ (Mitleid mit Uwe Bohm) und Gerüchten zufolge auch in „Vic + Flo haben einen Bären gesehen“. Warnung: zum Fangen von Goldbären nur bedingt geeignet.

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