Kultur : Tag der Deutschen Einheit: Eine Vernunftliebe

Zuletzt war der Westen ganz allein mit sich. Schrecklich allein. Das ist vielleicht sein erstaunlichster Charakterzug, trotz aller "Globalisierung": Er braucht niemanden. Er ist sich selbst genug. Man kann viel über die Art und Weise der deutschen Einigung sagen, auch heute noch, elf Jahre danach; verständlich wird sie unter dem einen Satz: Der Westen brauchte den Osten nicht. Man kann ihm das nicht vorwerfen. Niemand kann einem anderen vorwerfen, dass er ihn vergessen hat. So wie der Westen Russland schon fast vergessen hatte, das alte Kalte-Kriegs-Gegenüber. Und dabei hatte er vor elf Jahren versprochen, es nie zu vergessen.

Eine schöne Utopie hing an diesem 3. Oktober. Es sollte ja nicht bloß ein noch größeres, noch stärkeres Deutschland werden, nein, Europa war gemeint - ein Europa, wenn möglich bis Moskau mit Berlin als Ost-West-Leuchtturm. Vergangene Woche sprach Putin im Reichstag. In Berlin. Ein, nun ja, früherer KGB-Offizier. Die Bruder-Behörde der Staatssicherheit. Und der Mann spricht dieses berückende Deutsch, weil er sich seinen Aufgaben einst von Dresden aus widmete. Ob die deutschen Parlamentarier geglaubt hätten, dass sie einmal mit solcher Hingabe einem russischen KGB-Offizier zuhören würden? Vielleicht hat sogar Egon Krenz in der Haftanstalt Plötzensee nicht ohne einen gewissen Neid zugeschaut. Ex-Kommunist ist eben doch nicht gleich Ex- Kommunist.

Gehört Russland wirklich zu Europa, fragte sich der Westen in den letzten zehn Jahren immer öfter und sah das Land in einem seltsam-fremdartigen Chaos versinken. Schon sein Kommunismus war doch etwas mehr Asiatisches. Angesichts des Sowjet-Imperiums hätte Marx sein eigenes Werk nicht mehr verstanden. Im entwickeltsten westlichen System sah er den Keim einer neuen intelligiblen Ordnung angelegt, nicht in dem unterentwickeltsten Land, das Russland war. Natürlich, man weiß es, die russische Revolution hatte noch einen ganz anderen Vater: Deutschland. Ludendorff, preußischer Reaktionär. Er ließ Lenin im Sonderzug nach Russland fahren. Nicht nur Menschen, auch Staaten tun manchmal sehr seltsame Dinge. So wie Amerika die afghanischen Gotteskrieger eben erstmal anständig bewaffnete - gegen die Russen.

Was ist fortschrittlich, was ist reaktionär? Die afghanischen Frauen, die in Kabul im Café vor der Universität saßen - waren sie nicht vergleichsweise modern? Nein, die selbstgenügsamen Weltbilder vom Reißbrett taugen plötzlich nicht mehr. Selbst auf die Russen in Tschetschenien fällt plötzlich ein milderes Licht. Und all das hat eine einzige Ursache: Der Westen hat nach dem 11. September etwas Eigentümliches erfahren. Er ist doch nicht allein auf der Welt.

In gewissem Sinne war die überwältigende spontane Solidarität der Russen mit den Amerikanern erstaunlich. Ex-Großmächte sind gemeinhin nicht unempfänglich für Demütigungen des einstigen Gegners. Und ein gedemütigtes Land ist dieses Russland. Um so wichtiger diese Reaktion. Um so wertvoller Putins Charme. Nicht mit dem gekränkten, verbitterten Stolz des Verschmähten trat er im Bundestag auf, sondern mit der Höflichkeit, der Souveränität, dem Charme der Vernunft. Der neuen Welt-Vernunft, die eine Überlebens-Vernunft der Welt ist.

Denn es war nicht nur Putins Kenntnis von Goethe und Schiller, die das Parlament so beglückte, es war die kulturelle Nähe, die - überraschend nur für unsere Ignoranz - hier spürbar wurde. Denn wie kein anderes Land trägt Russland schon über Jahrhunderte den Konflikt aus zwischen Ost und West, zwischen ursprünglicher kultureller Identität und "Zivilisation", zwischen Slawophilie (der Einzelne sei wie eine Biene im Schwarm, so Wladimir Solowjow) und westlicher Apotheose des Individuums. Man denke an Tschechow und Dostojewski. Nur traditional verfasste Kulturen jedoch können den Stellenwert des Einzelnen nicht begreifen.

Die Berufsuniversalisten fordern im Augenblick ein Denkverbot im Namen des Denkens. Wer nicht denkt, wie sie denken, sagen sie - also voraussetzungslos formal - denke feige. Dieser Universalismus ist ahistorisch. Er kann Geschichte nicht denken. Wer jedoch das geschichtliche Werden, das so disparat Erfahrungshafte, auch in seinem Widerstreit ernst nimmt; auch er erreicht die Ebene des Zivilisatorischen, die Ebene der universalen Geltung der Menschenrechte. Nur ist ihm die Borniertheit, die Selbstherrlichkeit genommen. Da erst beginnt Dialog.

Was von Anbeginn der Geschichte galt, gilt noch für die aufgeklärte westliche Welt: Keiner macht etwas, nur weil es so vernünftig oder human ist. Man handelt, wenn es nicht mehr anders geht. Die Ost-Erweiterung der Vernunft ist ein Gebot der Stunde.

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