Kultur : Tag der Entscheidung

Heute erklärt der Bund, wieviel er für Berlins Kultur übrig hat – im schlimmsten Fall gibt es eine Oper weniger

Christiane Peitz

Es ist schon lange nach Zwölf: Heute Mittag gibt Kulturstaatsministerin Christina Weiss im Max-Liebermann-Haus am Brandenburger Tor eine Zahl bekannt, die für das Schicksal der Berliner Bühnen entscheidend ist. Es geht um jene Summe, die der Bund laut Haushaltsentwurf 2004 für die Hauptstadtkultur zusätzlich zu zahlen bereit ist. Etwa 350 Millionen Euro sind es bisher. Aber, sagt Berlins Kultursenator Thomas Flierl,wir brauchen mehr. Noch 33 Millionen.

Die müssen Berlins Opernhäuser laut gestrigem Senatsbeschluss nämlich einsparen, bis 2009. Nur wenn der Bund mit dieser Summe aushilft, können alle drei Bühnen als künstlerisch autonome Institutionen erhalten bleiben. Andernfalls werden Deutsche Oper und Staatsoper fusioniert oder es wird gar ein Haus geschlossen. Nicht, dass es unbedingt die Oper sein muss; auch die Berliner Symphoniker (siehe S. 22) sollen wieder einmal abgewickelt werden. Aber die Musiktheater sind mit derzeit 115 Subventionsmillionen bei jährlich etwa 700000 Besuchern nun einmal die teuersten Kultureinrichtungen der Stadt. Die Komische Oper steht übrigens wegen ihres speziellen Profils nicht zur Debatte, anders als die beiden schweren Tanker an der Bismarckstraße und Unter den Linden.

Eins ist sicher: Die Zahl, die Frau Weiss nennen wird, wird niedriger sein als die Berliner Wunschsumme. Zwar hat der Bund seine Bereitschaft signalisiert, bei der Gründung der Opernstiftung zwecks Verschlankung und Kostensenkung Pate zu stehen: mit 3,6 Millionen als Anschubfinanzierung und 9 Millionen für den Personalüberhangfond. Zwar ist Weiss offen für die angedachte Übernahme weiterer Kulturinstitutionen wie der Akademie der Künste oder der Stiftung Deutsche Kinemathek. Aber alle Hauptstadtträume – da ist Hans Eichel vor – wird sie nicht erfüllen können. Ihre Zahl wird wohl niedriger sein.

Also 20 Millionen? 25? Oder nur 15? Sollte die Summe signifikant gering sein, bedeutet dies – nein, nicht die Schließung eines Opernhauses binnen 24 Stunden. Aber es setzt die Weichen für eine Fusion. Und in drei, vier Jahren spielen Daniel Barenboim und die Staatskapelle an der Bismarckstraße, während Christian Thielemann von dort seinen Abschied Richtung München nimmt, wo er ab 2006 ohnehin Chefdirigent der Philharmoniker wird – ein denkbares Szenario. Denn das Gebäude der Lindenoper ist so marode (und die Staatskapelle so renommiert), dass im worst case die einen ihr Haus und die anderen ihr Ensemble werden opfern müssen. Dabei ist das Orchester der Deutschen Oper keinen Deut schlechter.

Diese Opernzukunft will aber eigentlich niemand. Der Kultursenator nicht, der in seinem Opernkonzept für das Stiftungsmodell plädiert. Und der Bund nicht, dessen Innenminister gestern gegenüber dem Tagesspiegel betonte, die Staatsoper dürfe auf keinen Fall Schaden nehmen: „Sie ist ein wirkliches Juwel der Stadt Berlin, ein Aushängeschild für die ganze Bundesrepublik. Sie ist sowohl künstlerisch als auch ökonomisch Spitze.“ Und neben Otto Schily macht auch Antje Vollmer aus ihrer Sympathie für die Staatsoper keinen Hehl. Ein Hoffnungsschimmer: Wird Christina Weiss’ Schatulle bei soviel prominenter Unterstützung vom Finanzminister doch üppiger gefüllt?

Aber was geschieht bei, sagen wir: 20 Millionen? Dann, so heißt es aus dem Hause Flierl, wird noch einmal beraten, auch mit den Intendanten, aber fix. Dann wird hoffentlich die Stiftung realisiert,mit dem Berlin-Ballett und einer Service-GmbH unter dem viel zitierten flachen hierarchischen Dach. Oder man leistet es sich, nur organisatorisch zu fusionieren – ein ebenfalls denkbares Szenario. Und dann werden die Häuser ihre allerletzten Sparpotenziale aktivieren: Erst letzte Woche skizzierte der Förderkreis der Deutschen Oper, wie 16 Millionen Euro kompensiert werden könnten. 16 Millionen mögen eine Luftnummer sein. Aber sie setzen die Marge für die Bereitschaft aller Beteiligten, das Schlimmste doch zu verhindern.

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