Kultur : Tag der Entscheidungen: Er ist so frei - Warum Gregor Gysi in Berlin antritt

Sabine Beikler

Kandidiert er, kandidiert er nicht, kandidiert er? Dieses Frage- und Antwort-Spiel ist am Sonntag, kurz nach zwölf, beendet worden. Gregor Gysi tritt in einem Konferenzsaal im Berliner Osten vor Dutzende von Kameras und erklärt: "Ich will Regierender Bürgermeister der Hauptstadt werden."

Endlich ist es raus: Seit Monaten wurde spekuliert, wen die Berliner PDS im Fall von Neuwahlen in die Bütt schicken würde. Gysi hielt sich zurück. Nein, er werde nicht als Spitzenkandidat antreten. Nein, auch für das Abgeordnetenhaus wolle er nicht kandidieren, sagte er noch im April. Dann kam der Berliner CDU-Landesparteitag Mitte Mai.

Wie elektrisiert

Eberhard Diepgen, damals noch Regierender Bürgermeister, forderte Gysi auf, er solle gegen ihn antreten. "Nicht lamentieren, sondern kandidieren. Wer den Mund spitzt, muss auch pfeifen. Kneifen ist feige", lauteten Diepgens vollmundige Worte. Ja, das waren im Mai auch noch andere Zeiten: Diepgen meinte natürlich 2004, das Jahr, in dem die regulären Abgeordnetenhauswahlen gewesen wären. Gregor Gysi nahm diese Aufforderung erst einmal sehr gelassen auf. Wenn Diepgen tatsächlich wolle, dass er in Berlin kandidieren werde, dann nur unter der Bedingung, dass es in Berlin Direktwahlen gebe. Die gibt es aber in Berlin nicht, und deshalb stand Gysi mit dieser koketten Aussage auch ganz gut da.

Doch die politischen Ereignisse überschlugen sich: Die durch CDU-Spendenaffäre und Milliardendefizite bei der Bankgesellschaft arg gebeutelte Große Koalition in Berlin krampfte vor sich hin, die Sticheleien zwischen den Koalitionspartnern wurden schärfer, und die Frage nach der Handlungsfähigkeit der Regierung ließ sich irgendwann nicht mehr kaschieren. Die Große Koalition platzte - und Gregor Gysi kommentierte: "Berlin ist so ruiniert, dass man sie auch mir übergeben könnte. Von Krisen verstehe ich einiges." Von diesem Augenblick an schien Gysi wie elektrisiert. Vorsichtig schloss er eine Kandidatur nicht mehr aus. "Aber das bitteschön wird die Berliner PDS entscheiden."

Positive Signale sendete die PDS schon auf ihrem Sonderparteitag vor drei Tagen aus, als die Landesvorsitzende Petra Pau sagte, die PDS würde sich sehr freuen, sollte Gysi einer Kandidatur zustimmen. Erst am Samstagabend will Gysi sich endgültig entschieden haben. "Das war während eines Telefongesprächs mit meinem Sohn." George, den Gysi allein aufgezogen hat, soll dem Vater gesagt haben, dass ihn seine Argumente gegen eine Kandidatur nicht überzeugt hätten. Parteifreunde munkeln, eine Kandidatur von Wolfgang Schäuble hätte ihn, den Vollblutpolitiker, noch viel mehr gereizt. Doch auch zu Zeiten, als Schäuble noch im Rennen war, gab sich Gysi schon ambitioniert: "Meint Ihr etwa, dass ich noch eine zusätzliche Motivation brauche?"

Gysi stellt Bedingungen. "Ich würde eine Mehrheit im Abgeordnetenhaus und eine solche Regierungskonstellation anstreben, die mich zum Regierenden Bürgermeister wählte." Und wenn nicht als Regierender, würde er auch einen "anderen Senatsposten" akzeptieren. Gysi kandidiert auch für das Abgeordnetenhaus. Aber: Sollte die PDS nach Neuwahlen wieder auf der Oppositionsbank sitzen, würde er "wieder in die Bundespolitik gehen". Für ihn ist auch klar: Eine von der PDS tolerierte rot-grüne Regierung in Berlin wird es nach den Wahlen im September mit ihm nicht geben. "Entweder die PDS kommt in die Regierungsverantwortung oder nicht." Eine Neuauflage der Großen Koalition schließt Gysi aus. An die SPD gerichtet, sagt er, sie solle Verantwortung zeigen. "Jemand wie mich hätte gerade in Berlin auch symbolischen Charakter für eine Vereinigung Ost-West."

Es ist auffällig, wie überzeugt Gysi davon ist, dass die SPD es "schon respektieren würde", ginge die PDS aus den Wahlen stärker als die Sozialdemokraten hervor. Dass noch am Samstag die Sozialdemokratin Anneliese Neef vor dem Abgeordnetenhaus eine bewegende Rede gehalten hatte, in der sie ihre Gewissensbisse durch ihre Erfahrungen als Ostdeutsche mit der SED darstellte und damit erklärte, warum sie sich bei der Wahl von Klaus Wowereit zum Regierenden Bürgermeister der Stimme enthalten habe, ist für Gysi am Sonntag kein Thema mehr.

Kein SPD-Juniorpartner

Er gibt sich kämpferisch, erzählt von dem "Pilotprojekt Berlin", das natürlich auch bundespolitische Bedeutung haben wird. Wenn gerade in der Mauerstadt Berlin der "Tabubruch mit der PDS" vollzogen ist, wird das auch anderswo, auch in den Altbundesländern, möglich sein. Dass die CDU das "rote Schreckgespenst" jetzt an die Wand malt, sei übertrieben. Das Ausland werde gewiss nicht verschreckt. "Wissen Sie, die Leute schlafen in Rom oder in Marseille genauso ruhig wie vorher."

Als "Juniorpartner der SPD" wollen Gysi und die PDS nicht in den Berliner Wahlkampf gehen. Vielmehr wird der "notwendige Wechsel" in der Stadt betont. Konkrete Lösungen für die Finanzkrise bietet Gysi nicht an, sondern fordert ein friedliches, kulturvolles, sozial gerechteres Zusammenleben im Ost- und Westteil der Stadt. "Ich stehe für Brücken, nicht für Mauern", sagt er. Ob das reicht?

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