Kultur : Tag des offenen Denkmals: Görlitz im Glück

Michael Bienert

Görlitzer Bahnhof: Nur noch der Name einer Berliner U-Bahn-Station erinnert an die historischen Bande zwischen der preußischen Metropole und der Provinzstadt an der Neiße. Im Dezember 1867 wurde die direkte Eisenbahnverbindung eröffnet. Damals war Görlitz das Tor zur Provinz Schlesien und nicht zueletzt dem von vielen Berlinern geschätzten Riesengebirge.

Zumindest am kommenden Sonntag könnte Görlitz wieder auf den Fahrkarten reiselustiger Berliner stehen. Der in Deutschland von der Stiftung Denkmalschutz ausgerichtete "Tag des offenen Denkmals" wird in diesem Jahr offiziell in Görlitz eröffnet. 30 000 Besucher werden erwartet, wenn am Sonntag über 70 Denkmale zugänglich sind, eingerahmt durch ein umfangreiches Kulturprogramm mit Turmblasen, Theater, Führungen und Musik. So gibt die Musica Antiqua Köln ein Benefizkonzert in der teilweise restaurierten Synagoge.

Um die Jahrhundertwende erlebte die Stadt ihre letzte Blüte. Pensionierte Beamte und Rentiers verlebten dort gern ihren Ruhestand. Die vergangene Bürgerlichkeit steht der Stadt mit heute 60 000 Einwohnern noch gut zu Gesicht, besonders wenn man sie vom Bahnhof her betritt. Berliner Straße heißt die lange Achse, die zum mittelalterlichen Stadtkern führt. Die geschlossene Front ihrer gründerzeitlichen Wohn- und Geschäftshäuser erinnert an alte Fotografien der Friedrichstraße. Sogar eine belebte Passage mit sorgfältig wiederhergestelltem Jugendstildekor gibt es hier noch, die 1908 eröffnete Straßburg-Passage.

Abgeschlossen wird das Ensemble durch einen typischen Berliner Warenhauspalast der Jahrhundertwende. Wegen seiner filigranen Pfeilerfassade könnte man ihn für ein Werk Alfred Messels halten, der das legendäre Wertheim-Warenhaus am Leiziger Platz entwarf. Tatsächlich handelt es sich um das Werk eines fähigen Nachahmers, des Potsdamer Architekten Carl Schmanns. Im Inneren empfängt ein großer Lichthof die Kunden von "Karstadt". Die Ornamentierung des gewölbten Glasdaches, die Lampen und Treppen zu den umlaufenden Galerien sind vor ein paar Jahren sorgfältig restauriert worden. Da staunt der Berliner und begreift, was seine Stadt an ihren zerstörten Warenhauspalästen einmal besaß.

Die gründerzeitliche Vorstadt ist der jüngste Teil eines städtebaulichen Gesamtkunstwerks mit 3600 eingetragenen Denkmälern. Die Entwicklung vom Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert lässt sich im Straßenbild vollständig und mühelos ablesen. Trutzige Türme markieren die frühere Stadtbefestigung. Außerhalb haben sich zauberhafte Vorstädte erhalten wie das Nikolaiviertel mit seinen krummen Gassen und Armeleutehäusern. Dort findet sich ein kulturhistorisches Kuriosum: eine Nachbildung des Heiligen Grabes in Jerusalem, die ein reicher Görlitzer Bürger 1481 erreichten ließ.

Als die Neiße Grenze wurde

Görlitz war seit dem Mittelalter eine prosperierende Handelsstadt. Die reichen Tuchhändler stellten ihre Waren in den Patrizierhäusern am Untermarkt aus. Die labyrinthischen Gebäude mit ihren gotischen Hallen, mehrstöckigen Bierkellern und wohlproportionierten Renaissancefassaden sind in Deutschland einzigartig. Von Wohlstand zeugen auch das barocke Börsengebäude und das schmucke Rathaus, die Kirchen und der bauplastische Schmuck an vielen Wohnhäusern. Heute jedoch ist die gesamte Altstadt ein Sanierungsfall. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg geriet Görlitz in eine kritische Randlage. Die Neiße wurde zur Staatsgrenze nach Polen. Der östlich gelegene Teil der Stadt heißt seitdem Zgorzelec und ist ein häßlicher, aber vitaler polnischer Grenzort. Da die in den letzten Kriegstagen gesprengte Altstadtbrücke nicht wieder aufgebaut wurde, floss der spärliche Grenzverkehr an der Herzkammer der Stadt vorbei.

Die Zerstörung des Mittelstandes, insbesondere des Bauhandwerks, im Sozialismus beschleunigte den Verfall der Altstadt. Wer konnte, zog seit den siebziger Jahren aus den maroden Häusern nach Königshufen, in eine Trabantenstadt aus Plattenbauten für 20 000 Menschen. Die letzten DDR-Planungen sahen den Abriß der entvölkerten Altstadtquartiere und die Neubebaung mit Plattenhäusern vor. Durch die politische Wende des Jahres 1989 wurden die ersten Sprengungen gerade noch rechtzeitig verhindert.

Die Görlitzer Bürger kämpften erfolgreich für die Rettung ihrer kaputten Stadt. 1991 wurde Görlitz als eine von 16 Gemeinden in den neuen Ländern zur Modellstadt der Städtebauförderung ernannt: Mehrkosten, die Eigentümenr durch die denkmalgerechte Wiederherstellung eines Hauses entstehen, können im Idealfall von Bund, Land und Stadt zu je einem Drittel getragen werden. Ein Viertel der Häuser in der Innenstadt konnten dadurch inzwischen saniert werden. Hilfe kam auch von der Stiftung Denkmalschutz, die seit 1991 über elf Millionen Mark für Projekte in der Stadt zur Verfügung stellte. Sie unterstützt nicht nur Bauherrn, sondern war auch maßgeblich am Aufbau eines Fortbildungszentrums für Handwerk und Denkmalpflege beteiligt, wo junge Leute historische Bautechniken erlernen.

Erstmals stehen auch zwei Denkmale im polnischen Zgorzelec offen: das Haus des Görlitzer Schusters, Philosophen und Mystikers Jakob Böhme am Neißeufer sowie ein 1902 eröffneter Kuppelbau, der heute als Kulturhaus dient. Damit unterstreichen die deutsche und die polnische Gemeinde ihren Willen, zukünftig noch enger zusammenzuarbeiten. Schon vor zwei Jahren haben sie sich zur "Europastadt" proklamiert. Doch solange die Außengrenze der Europäischen Union die Städte trennt, sind den Verwaltungen die Hände gebunden.

Noch liegt die Arbeitslosenquote in der Region bei 20 Prozent. Noch verliert die Stadt Görlitz, die seit den siebziger Jahren ein Viertel ihrer Einwohner eingebüßt hat, jährlich etwa tausend Einwohner. Manche Straßen und Plätze sind daher trotz der frischen Farben etwas leblos und öde geblieben. Aber der Gesamteindruck wird nicht länger vom Verfall beherrscht. Die Stadt wirkt durch ihre Schönheit wieder anziehend, auch auf Privatleute aus dem Westen, die alte Häuser kaufen und liebevoll instandsetzen. Görlitz besitzt wieder eine Perspektive. Hier hat sich Denkmalschutz als Investition in die Zukunft bewährt.

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