Kultur : Tag & Traum

Das Bundesjugendorchester bei Young Euro Classic.

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Ich habe keine Ahnung, sagt Thomas de Maizière, der Pate des Abends. Solche Freimütigkeit ist selten bei Politikern. Der Verteidigungsminister spekuliert dann noch, ob er vielleicht wegen der militärischen Anklänge in Mahlers „Totenfeier“, der Erstfassung des Eröffnungssatzes aus der 2. Sinfonie, zum Paten gekürt wurde. Oder wegen der übrigen Werke des Young-Euro-Classic-Konzerts, Schumanns Cellokonzert, Ravels Ballettmusiken „Daphnis et Chloé“ und „La Valse“, die zu ihrer Zeit durchfielen oder vom Auftraggeber nicht angenommen wurden.

Offenherzig musiziert auch das Bundesjugendorchester unter Leitung des agilen Schweizers Mario Venzago. Soeben von einer zehntägigen China-Tournee zurückgekehrt, eröffnen die 14- bis 19-jährigen Musiker den Konzerthaus-Abend mit einem klaren, hellwachen, geradeaus musizierten Mahler. Übrigens ohne militärisches Schnarren, sondern von der Macht des Unmittelbaren geprägt. Die Jugendlichen gehen kraftvoll ans Werk, mit tief grundiertem Tuttiklang (Bässe und Celli sind gleich neben den Violinen platziert), sparsamem Vibrato und etwas zu akkurat buchstabierter Motivik. Aber sie tragen das Herz auf der Zunge; Stimmungszauber und Klangfarben-Aquarell liefern sie bei Schumann und Ravel auch gleich nach.

Solist Nicolas Altstaedt entwickelt das a-Moll-Cellokonzert aus einer feinsinnig verhaltenen Intensität, zu der seine Theatralik nicht so recht passt. Aber die Innigkeit seines Spiels steckt an. Behände und leichtfüßig der Finalteil – als sei’s die auskomponierte Ungeduld der Jugend. Umso schöner dann als eine der Zugaben Jean Sibelius’ Opus 1, „Wassertropfen“, ein zart hingetupftes Pizzicato-Duett für Geige und Cello. Mit Ravel schließlich zeigt sich, wie fantastisch Jugend auch schwelgen kann. Warm und sämig die Tutti, traumwandlerisch sicher die Soloflöte, souverän die schnellen Wechsel zwischen Ekstase und Introspektion. Nur der Wahnsinn von „La Valse“, Ravels Teufelstanz auf dem Vulkan nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, der ficht sie noch nicht wirklich an. Christiane Peitz

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