Kultur : Tage und Bücher

Martin Walser beim Berliner Literaturfestival

Steffen Richter

Nein, Martin Walser ist kein kontrollierter Autor. Er rudert mit den Armen, skandiert, in jedem Satz steckt Sprachlust. Schließlich geht es um „Leben und Schreiben“, seine Tagebücher aus den Jahren 1951 bis 1962. Und Walser, lange vor dem ersten Roman, offenbart eine bemerkenswerte literarische Frühform. Vor allem, was das Sprachbewusstsein angeht. Was es in diesen Tagebüchern nicht gibt, sind intime Bekenntnisse. Dafür Werkskizzen, Aphoristisches zu Frauen und Männern oder zur Ehrlichkeit und Grausamkeit in der Liebe. Und immer wieder Überlegungen zu Sprache und Stil. Ob gedruckt oder nicht, orakelt Walser im Gespräch mit seinem Biografen Magenau fast sprachmagisch, ist letztlich unerheblich. Wichtig sei, dass „Daseinserfahrungen zur Sprache gebracht werden“, dadurch würden sie erträglicher.

Groß ist sie, diese Sprache, für Walser gleichermaßen Medium des Entblößens und Verbergens. In bester Nietzsche-Tradition lässt sich in ihr der Unterschied von Wahrheit und Lüge als „von außen verfügt“ einebnen. Solche Unterscheidungen würden „die Bestrafung von Menschen erleichtern“. Sagt Walser. Im Auditorium stutzt man. Das ist etwas komplex, „so was kannst du nicht erplaudern, so was muss geschrieben werden“. Da hat er wohl Recht. Sicher, als es an die Edition der Tagebücher ging, sei ihm einiges peinlich gewesen. Stellen etwa, die man heute „frauenfeindlich“ nennen würde. Aber damals hätte das Wort nicht einmal existiert. Nein, Walser ist keiner, der Literatur und Leben mit buchhalterischer Akribie verwaltet. Walser schillert.

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