Kultur : Tagebuch: An einem Dienstag in New York

Marcia Pally

Ich sitze auf dem Boden und beobachte, wie das Sonnenlicht auf die Palme an meinem Schreibtisch fällt und auf die Pflanze rechts daneben. Ich weiß nicht einmal, was für eine Pflanze das ist. Ich hätte sie längst umtopfen sollen. Verliere ich die Nerven? Ich werde zunehmend dramatisch. Der Himmel ist wolkenlos. Ich kann den Rauch vom Absturz in die World Trade Türme nicht sehen. Aber ich stopfe sicherheitshalber Plastiktüten in meinen Ofen.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Verhalten ändert sich schnell. Wer ist so verrückt, gelbe Plastiktüten zu horten? Der Ofen ist der einzige Ort in meiner Wohnung, an dem ich noch Platz habe - wenn ich die Bücher über angewandte Linguistik wegpacke, die ich sonst dort aufbewahre. Wir sind eine Insel, und alle Straßen sind gesperrt. Züge gibt es nicht mehr. Die Grenzen wurden geschlossen. Wie lange wird es wohl dauern, bis Mülltüten knapp werden? Wohin bringen sie den Müll überhaupt? Er war der Grund, warum die Menschen während der Pest aus den Städten flohen. Vielleicht erlebe ich gerade mein kulturelles Deja-vu: Die Depression kommt. Die Nazis kommen. Zumindest bin ich nicht verrückter als der Rest von Manhattan: Alle Einkaufsläden sind gerammelt voll. Meine beste Freundin arbeitet an der Wall Street. Ich kann sie nicht erreichen. Sie erreicht mich. Ich sage ihr, dass sie sich Essen besorgen soll. Und Wasser. Ich habe über zwanzig Liter gekauft. Und Haargel.

Das Liebligsmenü von Amerikanern in der Krise scheint aus Dosenthunfisch, Erdnussbutter und Milch zu bestehen. Ich werde einen Löffel Erdnussbutter pro Tag essen. Es waren solche Kleinigkeiten, ein Paar Schuhe, eine Extraportion Käse, die die Menschen in Europa am Leben gehalten haben... Sollen wir Ihnen das nach Hause liefern, junge Frau? Der Kassierer im Supermarkt redet mit mir. Gerade hat die größte Terror-Attacke in der Geschichte der Vereinigten Staaten stattgefunden, und Teenager in Schlabber-Hosen liefern Lebensmittel aus? Nein, ich nehme die Sachen selbst mit. Ich glaube nicht, dass sie anders bei mir ankommen würden.

Die hoffnungsvolle Sicht auf Amerika gibt es nicht mehr. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges war das Land sowohl mächtig als auch gut. Heute erscheint das Land weniger mächtig - und besser. Jeder hat eine Schwäche für die Opfer, vor allem, wenn zu den brennenden Körpern, die aus den World Trade Türmen fallen, nicht der eigene gehört. Das im Fernsehen zu betrachten, wie jeder auf der Welt es heute getan hat, ist großartig. Für die amerikanischen Fern-Seher ist es superlecker: Man darf Opfer sein und zugleich in Sicherheit.

Ein Passagier am La Guardia Flughafen: "Das bedeutet, dass wir uns im Krieg befinden." Frage eines Reporters an Verteidigungsminister Rumsfeld: Ist das eine Kriegserklärug? Antwort: "Wie die Juristen es nennen werden, ist deren Sache."

Ich brauche ein Weile, um die 20 Liter Wasser und das Haargel nach Hause zu schleppen. Kaum bin ich da, geht das Telefon nicht. Die Verbindung bricht immer wieder ab. Vielleicht liegt es an dem schnurlosen Telefon. Ich gehe in den Drogeriemarkt zurück und kaufe ein Telefon mit Kabel. Die Kreditkartenfirmen arbeiten offenbar problemlos. Als ich nach Hause komme, geht das schnurlose Telefon wieder tadellos.

Aber etwas hat sich verändert. Um 11 Uhr morgens verbreitet sich das Gefühl, als ob New York zu Tel Aviv geworden wäre. Amerika hat nie einen Krieg auf eigenem Boden erlebt, abgesehen von dem einen, den wir gegen uns selbst geführt haben. Es gab Terroranschläge, aber unser Schock angesichts der Explosion in Oklahoma City rührt von deren Seltenheit. In der amerikanischen Wahrnehmung findet Terrorismus woanders statt. Es kann nicht hier geschehen, und es sollte hier auch nicht geschehen. Heute sind einige Enthusiasten mit einem technisch anspruchlosen Plan unter unserem Radar durchgeflogen. Denken meine Freunde in Israel, dass es für Amerika an der Zeit war, herauszufinden, wie es sich anfühlt?

Zugleich vollzieht sich der Bruch nicht nur in Amerika, sondern im Westen, der sich im internationalen Geschäft einem Individualismus verpflichtet fühlt, der sich der Gedankenfreiheit verschworen hat und nicht einem heiligen Text. Oder zumindest die wirtschaftlichen Vorteilen einer liberalen kapitalistische Demokratie zu schätzen weiß. Wer mit einem pünktlichen Flugzeug pünktlich zu seinem Geschäftstermin kam, ließ sich nicht von Leuten aus der Ruhe bringen, die Flugzeuge im Namen Gottes in die Luft jagen. Nun sind auch sie aus der Ruhe gebracht.

Präsident Bush: "Wir werden unsere Freiheit und unseren way of life bewahren." Ein Typ in Brooklyn: "Hhm, und was machen wir jetzt?"

Der Bruch manifestiert sich in der Erkenntnis, dass der Gegner die moderne Zvilisation zerstören will. Dies ist kein Staffellauf gegen die Sowjets, die zumindest auch an die Errungenschaften der Moderne geglaubt hatten. Was die Vereinigten Staaten als Bedrohung empfanden, war nicht ein vor- oder antimodernistischer Impetus der Sowjetunion; deren Kapitalismuskritik war ohne Moderne gar nicht denkbar. Für die heutigen Attacken sind vermutlich moslemische Fundamentalisten verantwortlich, die sich ihre Niederlagen gegen die Christen vor 500 Jahren nicht verwinden können. Deren Widerstand findet auf einer anderen Ebene statt, er richtet sich nicht gegen Technologie, die, wie wir gesehen haben, durchaus in einem Jihad eingesetzt werden kann, sondern gegen die Voraussetzungen einer liberalen Zivilgesellschaft.

Um unsere Freiheit zu sichern, werden wir zurückschlagen. Wir werden den Verteidigungshaushalt erhöhen, auch wenn es so aussieht, als ob die Flugzeugentführer nur mit Messern bewaffnet waren. Wir werden die Sicherheitsmaßnahmen verschärfen, und, wie in Amerika so üblich, die Einwanderungsgesetze. Unsere Angst vor den Sowjets hat zu McCarthy geführt, vor den Drogen zu einer Erosion der verfassungsmäßigen Individualrechte, vor Leuten wie Timothy McVeigh zu einer Machtausweitung der Polizei. Dass unsere Freiheit den Sicherheitskräften überantwortet wird, könnte das bedeutsamste Resultat der Ereignisse sein. Davor fürchte ich mich am meisten, abgesehen von einer neuen Attacke.

Gouverneur Pataki: "Wir dürfen nicht zulassen, dass aus unserer Wut Voreingenommenheit und Hass wird, denn Voreingenommenheit und Hass haben zu diesem schrecklichen Angriff geführt."

Die großen amerikanischen Fernsehsender haben die Bilder aus dem jubelnden Nablus gezeigt, ich verstehe nicht, wieso. Eigentlich hatte ich heute einen Arzt-Termin, aber ich ging davon aus, dass er ausfallen würde. Die Arzthelferin rief mich jedoch an, um zu fragen, ob ich in Fußweite wohnen würde und kommen könnte, denn durch den Ausfall der öffentlichen Verkehrsmittel hätten alle ihre Termine abgesagt, sie stünde vor einem Umbuchungschaos. Also lief ich fünf Kilometer zu Fuß durch eine Geisterstadt. Während ich in den sterilen, glänzenden Diagnostikmaschinen saß, fragte ich mich, wie das Personal in einem so außergewöhnlichen Moment solch gewöhnlichen Pflichten nachgehen kann. Weil sie dies für ein Pearl Harbor halten, aus dem wir gestärkt hervorgehen werden.

Präsident Bush: "Morgen wird die Regierung wieder ihren Geschäften nachgehen, unsere Finanz-Institute werden öffnen und unsere Wirtschaft wird bereit sein für das Tagesgeschäft. Gott segne Amerika."

An meiner Haustür hängt ein Schild, das uns Hausbewohnern sagt, wo wir die Blutgruppe O Negativ spenden können und wo AB, aber nur wenn wir in den letzten drei Jahren das Land nicht verlassen haben. In Manhattan wird das nicht viele anlocken können. Vielleicht hat es gar keinen Bruch gegeben. Schon immer hat sich Amerika nach rechts bewegt, wenn es Angst bekam. Man kann auch diesmal von einem stattlichen Rechtsschwenk ausgehen. 300 Feuerwehrleute, die an den Rettungsaktionen beteiligt waren, gelten als vermisst. Keiner denkt daran, dass weitere Angriffe folgen werden, dass wir keine Ruhe genießen werden, ganz zu schweigen von einem Sieg. Wir wissen allerings, wie der Film abläuft: Der Held wird angegriffen, scheint schon besiegt, er steht wieder auf, stellt sich, greift das Biest an, und siegt.

Auf dem Rückweg vom Arzt spaziere ich durch den Central Park. Die Sonne geht unter. Dieses Licht, aus einem flache Winkel, ist mir im Tagesablauf das Liebste. Nur wenn man sich umdreht und nach Süden schaut, kann man den Rauchpilz sehen. Einige führen ihre Hunde spazieren, andere joggen.

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