Kultur : Tagebuch aus dem Kosovo: Am Kellerfenster

Caroline Fetscher

Vor seinen Augen erschossen serbische Milizionäre seinen Vater und seinen Onkel. Wenige Augenblicke später entkam Bardhyl Hoti. Er versteckte sich in einem Keller im Haus eines Verwandten im Kleinstädtchen Suhareka - serbisch Suva Reka - im Südwesten des Kosovo. Allein, unter Schock und in Todesangst verbringt er dort fast einen Monat. Am vierten Tag beginnt Hoti in einen alten Schreibblock einzutragen, wie es ihm ergeht. Stehend, am Kellerfenster, wo es etwas Licht gibt, verfasst er sein Tagebuch und horcht dabei nach draußen.

Eindringlich und beeindruckend nüchtern beschreibt er, wie er Schüsse hört, sich aus Einmachgläsern ernährt, schläft, wacht, friert, um seine Familie fürchtet, und darum, dass sein Wasservorrat verrinnt. Während der Kriegswochen ermordeten serbische Paramilitärs 51 Verwandte von Bardhyl Hoti, Kinder, Frauen, Männer. Er kann sich nicht mehr vorstellen, in absehbarer Zeit Tür an Tür mit Serben zu leben. Selbst wenn, wie er sagt, die Wunden langsam heilen.

Das eben erschienene Dokument, das der kosovo-albanische Medizinstudent Bardhyl Hoti gemeinsam mit dem Reporter der "Berliner Zeitung" Frank Nordhausen vorlegt, ist bisher einmalig ("Entkommen. Tagebuch eines Überlebenden aus dem Kosovo", Ch. Links Verlag, Berlin 2000). Die Autoren haben sich der Mühe einer Rekonstruktion unterzogen, die andere gescheut haben - aus Zeitnot, Themendruck, Mangel an Mitteln, Mut, Interesse und Geduld.

Einmalig ist dieses Buch, das sich aus Hotis Aufzeichnungen, Interviews mit seinen Angehörigen, Fotos und den ausgezeichneten Reportagen von Frank Nordhausen zusammensetzt, weil es bisher schlicht keinen publizierten Bericht aus dem Innern des Kosovo während des Krieges gibt.

Man muss sich das klar machen: Nicht ein westlicher Beobachter, kein Journalist, kein OSZE-Mitarbeiter, kein Nato-Soldat, und kein einziger westlicher Zivilist befand sich während des Krieges im Kosovo. Viele von uns Journalisten, die aus der Krisenregion berichtet haben, wurden später gefragt, wie es denn im Krieg war, im Kosovo. Aber keiner von uns hat zwischen dem 24. März und dem 13. Juni 1999 aus dem Kriegsgebiet berichten können. Wir waren ausnahmslos, alle, im benachbarten Krisengebiet unterwegs. Nato-Bomber waren zu hören, Flüchtlinge konnten wir interviewen. Mehr nicht.

"Kosovo" war während dieser Wochen das traumatische, schwarze Loch der Region. Der Name Kosovo wurde zu einem Synonym von Angst. Im Kosovo war eine unheimliche, Flüchtlinge produzierende Maschine in Gang gesetzt. Jenseits der Grenzen sahen wir zwar das Resultat ihrer Gewalt, konnten aber nur ahnen, wie die Maschine funktionierte. Hunderttausende von Zeugen in den Lagern gaben nur inkohärent Auskunft, sie standen unter Schock. Zwar entstand durch die Berichte ein Bild der Greueltaten, ein blutiges, aber meistens ein verwaschenes. Und diejenigen, die nicht flüchten wollten, weil sie sich in der südserbischen Provinz der Rebellenarmee UCK anschlossen, oder weil sie von Paramilitärs an der Flucht gehindert wurden, konnten erst recht nichts berichten. Nur über Satellitentelephone hörten Militärs und UCK-Kontaktleute im Ausland gelegentlich, was eigentlich im Kosovo geschah.

Als die UN-Resolution 1244 unterschrieben war, und die Geflüchteten zurückkehren konnten, standen sie vor den Trümmern ihrer Häuser und an den Gräbern ihrer Verwandten. Ihre Geschichten waren von nun an vor allem für die Rechercheure aus Den Haag relevant und interessant. Viele wurden interviewt und werden als Zeugen geschützt, die wenigsten schrieben etwas auf. Und die Krisenreporter zogen weiter nach Ost-Timor.

Bardhyl Hoti, den Frank Nordhausen bei Kriegsende traf, fürchtete sich zunächst, seine Erlebnisse zu veröffentlichen. Serben könnten der Familie Hoti nachstellen, und Zeugen ermorden. Und so heilsam jeder Schreibprozess ist, der es erlaubt, erlebtes Grauen zu symbolisieren, so schwer fiel auch Frank Nordhausen die Arbeit an diesem Buch. Nur in Wochenschüben hat er arbeiten können, um immer wieder Distanz zu gewinnen. Dem entronnen Bardhyl Hoti, der diese Woche in Berlin ist, meint man das Entsetzen vom letzten Jahr noch an den Augen ablesen zu können. Zwar hat er seine Gitarre nicht mehr angerührt, aber er kann wieder Musik hören. Vor ein paar Wochen hat Bardhyl Hoti geheiratet, und, wie zum Trotz gegen das Grauen, eine Riesensumme für die Hochzeit ausgegeben.

Jetzt ist er verschuldet. Aber es ist ihm nicht wichtig. Er lebt.

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