Kultur : Tagebuch: Die Berliner Festwochen

I.H./ F.H./ hak

"Con espressione parlante", mit sprechendem Ausdruck, wollte Luigi Dallapiccola das sechste Stück seines "Quaderno musicale di Annalibera" von 1952 hören - und genauso spielte es der Pianist Bruno Canino am Samstagabend im Kammermusiksaal. Canino ist ein brillanter Anwalt der Moderne in aller Welt, so wie Dallapiccola einst ein Anwalt der Zwölftontechnik in Italien war. Dass der Komponist dabei seine eigene, lichte, südliche Variante der Dodekaphonie entwickelte, die nie "ausgerechnet" wirkt, sondern stets lebensvoll und sinnlich, verdeutlichte der Pianist mit glasklarer Anschlagstechnik. Ob alleine oder in perfekter Symbiose mit dem Geiger Rodolfo Bonucci oder der Sopranistin Luisa Castellani, stets erzählt Canino von seiner großen Liebe zu dieser Musik, die in den dunklen 40er und 50er Jahren nach Klangräumen sucht, in denen sie wieder frei atmen kann. Das kleine Häufchen Neugieriger und Kenner im Saal bedankte sich mit Konzentration und begeistertem Applaus. Der zweite Teil des dreistündigen Abends gehörte dann dem Arditti-Quartett und Luciano Berios virtuoser Streichermusik. Zuerst ließ Irvine Arditti die Sequenza VII von 1977 explodieren - welche rhythmisch-gestische Kraft, welche Bühnenpräsenz! -, dann setzte er mit seinem Geigenkollegen Graeme Jennings die "Duetti" unter Strom. Nach der fast schon brutalen Viola-"Sequenza" (Dov Scheidlin) und dem ausdrucksvoll "geatmeten" Cello-Solo "Les mots sont allés" (Rohan de Saram) vereinten sich die Ardittis am Schluss dann doch noch für die "Sincronie", jenes fasziniernde Streichquartett, in dem Berio die Spieler wie ein einziges Instrument behandelt. Da verschmolzen vier grandiose Persönlichkeiten zu einem schillernden, zerbrechlichen, vielzüngig-tausendgesichtigen Instrumentalinsekt.

Sonntagnachmittag. Nieselregen. 14 Grad. Ideale Bedingungen für eine Soiree mit Spätwerken von Luigi Nono im Kammermusiksaal. Das Arditti Quartett zeigt den sozialkritischen Komponisten expressiver Werke wie der berühmten "Fabbrica Illuminata" von seiner stillen, introvertierten Seite. Im Saal machen bereits die kreuz und quer verteilten Notenständer neugierig auf "Hay que caminar" für zwei Violinen, Nonos letztes vollendetes Werk von 1989. In drei Stationen wandern Irvine Arditti und Graeme Jennings quasi suchend durch den nahezu dunklen Raum, spielen einander ausgedehnte Pianissimo-Klänge und Flageoletts zu, im Wechsel mit schroffen Unisono-Klangsplittern. In den ausgedehnten Pausen entsteht eine geradezu hörbare Stille. Allmählich kommen die Musiker sich näher, bis sie schließlich vereint auf dem Podium zusammenkommen. Die folgende Aufführung von Nonos 1980 entstandenem Streichquartett hält leider nicht, was sein Titel verspricht. "Fragmente - Stille. An Diotima" besteht ebensosehr aus Klingendem wie aus Stille und fordert von den Ausführenden wie auch vom Publikum ein Höchstmaß an Konzentration und Ruhe. Eine merkwürdige Unruhe macht sich jedoch schon beim Auftritt der Musiker breit - allzuviel Zeit verbringen sie mit dem Zurechtrücken ihrer Stühle und dem Ordnen der Notenblätter. Das im ersten Teil so wunderbar gelungene Hineinhorchen in die Stille wirkt jetzt mehr wie das Warten auf den nächsten Einsatz, das chronisch lungenkranke Berliner Publikum tut sein Übriges, und so dominiert am Ende die technische Brillianz über den meditativen Charakter der Musik. Draußen aber hat es aufgehört zu regnen.

Die tschechische Musikgeschichte ist auch eine der politischen Verfolgung: Bohuslav Martinu, Alois Hába, Pavel Haas, sie alle stehen für tschechisch-jüdisch-deutsche Symbiosen. Die Begegnung der drei Komponisten im Kammermusiksaal gestaltete sich erfrischend, inspiriert. Das war auch dem großartigen Spiel der Musiker von Ensemble Aventure, Pellegrini-Quartett und Petersen-Quartett zu danken: lebendig, locker und lupenrein. Vorurteile, etwa das einer eher dünnblütig-modernistischen "Spielmusik", wurden dabei mit leichter Hand zerstreut. Wer etwa hätte gedacht, dass Martinu "Madrigale" komponierte und die alte Gesangsform in dissonant-freche Instrumentalminiaturen überführte? Besonders schön: Die Stücke für Violine und Viola von 1947, die barocke Bewegungslust mit "zigeunerischen" Tremolo-Schauern und melancholischen "Stimmen aus der Ferne" vereinen. Solche Gefühlsqualitäten nehmen in Alois Hábas 14. Streichquartett den knappen Sprachgestus der frühen Atonalität an. Mikrointervalle lassen diese freie Rede manchmal "verrutschen", überführen sie in neue, zart leuchtende Klangregionen. Das "Nonett" (1953) versteckt unter realsozialistischer Kuratel solche Ansätze hinter glanzvoller, fast von Richard Strauss getönter Fassade. Ein hochvirtuoses, effektvolles Stück, gewiss. Doch wie viel authentischer sucht Pavel Haas in den 20er Jahren seine persönliche Note. Sein Bläserquintett op. 10 sprudelt über von witzigen, skurrilen, irregulären Ideen, denen die weitläufigen Melismen der Klarinette die Sehnsuchtsfarbe geben - Musik zwischen Klezmer und Janácek. Ein verrücktes Stück auch das 2. Streichquartett op. 7, das "aus dem Affengebirg" Autobiografisches beschwört, nicht nur wegen der Schlagzeugeinlage (Colin Currie) im Finale der "Wilden Nacht". Schiebende und ziehende Glissandi zu geräuschhaften Pizzicati malen die tolle Kutschfahrt.

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