Tagebuch einer Expedition : Der Eselführer von Max von Oppenheim

Von August bis September 1977 war unser Autor Rolf Brockschmidt als Student Teilnehmer am 2. Survey des Tübinger Atlas des Vorderen Orients, einer archäologischen Bestandsaufnahme am Chabur, einem Nebenfluss des Eufrat, in Nordostsyrien.

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Rolf Brockschmidt muss tatkräftig mit anpacken.
Rolf Brockschmidt muss tatkräftig mit anpacken.Quelle: Rolf Brockschmidt

Die Leitung der Expedition lag bei Professor Wolfgang Röllig von der Universität Tübingen. Bei diesem Survey wurde Tell Schech Hamed als bedeutende Provinzhauptstadt Durkatlimmu entdeckt, die Hartmut Kühne, ebenfalls Expeditionsteilnehmer, seit 1978 an der Freien Universität (seit 1980 als Professor) ausgräbt. Die fünf Teilnehmer der Expedition waren sich damals der Tatsache bewusst, dass der letzte deutsche Archäologe in dieser abgelegenen Gegend Baron Max von Oppenheim war, als er 1929/30 den Chabur entlang reiste:

Die Expedition hatte zwei Standorte. In der ersten Hälfte der Zeit fuhren wir von der Provinzstadt Hassaka im Norden aus den Chabur entlang nach Süden, um bedeutende Siedlungshügel (Tell) zu vermessen, Scherben zu sammeln, zu fotografieren und in Karte zu bringen, in der zweiten Hälfte von Deir-ez-Zor aus nach Norden. Gerade die systematische Kartierung der Siedlungshügel hatte von Oppenheim nicht vorgenommen. Die Flussaue des Chabur ist grün und fruchtbar, doch oben auf dem Plateau reicht der Blick weit über ein flaches Land, karg, staubig, mit einer steppenartigen Vegetation. Es war heiß im August, außergewöhnlich heiß, einen Monat lang hatten wir bis zu 45 Grad im Schatten – und Schatten gibt es in der Dschazzira, wie diese Gegend heißt, kaum. Die Dörfer lagen auf dem Plateau meist in Flussnähe, ein paar Lehmziegelbauten, die wie Fremdkörper in der Ebene lagen. Nicht wenige hatten einen Tell in der Nähe, der sich markant aus der Ebene erhob – ein Zeichen vorzeitlicher Besiedlung. Ab und zu begegneten einem Kinder, die Schafe hüteten oder Frauen, die mächtige Bündel mit Reisig oder Viehfutter auf dem Rücken schleppten - ganz wie zu Oppenheims Zeiten.

Wann immer wir mit unserem VW-Bus in ein Dorf kamen und den Theodoliten auf den Tell schleppen wollten, kamen Kinder und Erwachsene neugierig herbei, um uns zu begrüßen und zu bestaunen.

Die Verständigung lief über unseren ständigen Begleiter, den damaligen Museumsdirektor von Deir-ez-Zor, Assad Mahmoud.

Eines Tages trafen wir in Tell Knedig Nord ein, einem kleinen Ort am Siedlungshügel. Als wir ausstiegen, um uns umzuschauen, kam uns die übliche Delegation entgegen, angeführt von einem würdigen älteren Herrn mit weißem Bart. Nach dem  Begrüßungsritual wollte er wissen, wer wir seien, was wir hier wollten und woher wir kamen. Meistens dachten die Dorfbewohner, wenn sie unseren Theodoliten sahen, wir seien das Vorauskommando für den Staudammbau – manche hielten uns für Spione Israels, aber das war die Minderheit.

Als der alte Mann erfuhr, dass wir deutsche Archäologen seien, hellte sich seine Miene deutlich auf. „Ja, da war schon einmal jemand hier, vor langer Zeit, der Baron, aber der Name…“ „Max von Oppenheim“, sagte Assad Mahmoud und der alte Mann erinnerte sich plötzlich: „Ja, so hieß er, und ich war damals sein Eselsführer, als junger Mann.“

Damit konnten wir die Untersuchung von Tell Knedig Nord vergessen. Kein Scherbensammeln, keine Vermessung – wir wurden zu seinem Haus eingeladen, einem größeren rechteckigen Lehmziegelbau, der allerdings schon bessere Tage gesehen hatte. Oben am Dach waren ringsum große Neonleuchten angebracht – Zeichen seines bescheidenen  Wohlstands. Niemand im Dorf hatte Neonleuchten am Haus.

Der damalige Eselsführer von Max von Oppenheim stellte sich als Sheikh Hidr al Muslat vom Stamme der Gubur vor, und nach Sitte der Beduinen wollte er uns nun bewirten. Er stellte uns seiner Frau vor, die sich ihrer Rolle als Frau des Sheiks bewusst war. Sie trug ein schwarzes Gewand, verschwand nach der Begrüßung sogleich im Haus und kehrte bald danach wieder. Zu unseren Ehren hatte sie ihren ganzen Goldschmuck angelegt, eine lange schwere Kette mit vielen Goldstücken und Münzen sowie schwere Armbänder. Wir ließen uns vor dem Haus im Schatten auf Teppichen nieder und bekamen Tee, Zigaretten, Bonbons, Parfüm und ein vorzügliches Essen gereicht, das in der Eile für uns zubereitet wurde - ein Eintopf aus Fleisch, Auberginen, Zwiebeln und Lauch sowie Fladenbrot. Es war vorzüglich.

Der Sheikh entschuldigte sich für das in seinen Augen karge Mahl, es sei eben Ramadan und man faste, aber hätte er gewusst, dass wir kommen, er hätte einen Hammel für uns schlachten lassen. Beduinische Gastfreundschaft, wie auch Max von Oppenheim sie erlebt und beschrieben hat. Der Sheikh klagte ein wenig über die Zeiten – damals war Syrien eine sozialistische Republik. Früher habe er über 20 Dörfer geherrscht, jetzt bleibe ihm nur noch dieses eine. Aber sein Bruder, der Sheikh von Tell Braq habe wohl Dank seiner guten Beziehungen zur saudischen Königsfamilie, die offenbar Druck auf die Regierung ausgeübt habe, sein Vieh und seine Ländereien zurückbekommen und sei wieder ein reicher Mann.

Aber er freute sich, dass er nun Gäste aus Deutschland bewirten konnte, die wie der Baron gekommen waren, um diese Gegend Syriens zu erforschen. Ob er noch mehr über Oppenheim und die damalige Reise erzählt hat, geben weder Tagebuch noch Erinnerung her, aber den Eselsführer des Barons in einem kleinen Dorf am Chabur getroffen zu haben, wird uns ewig in Erinnerung bleiben. Am Nachmittag sind wir nach Hassaka zurückgekehrt und mein Tagebuch vermerkt lapidar: „Danach das Übliche: Scherbenwaschen.“  

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