Kultur : Tagebuch eines Taugenichts

Phänomenal: Gert Heidenreich schreibt Thomas Gottschalks Biografie

Rainer Moritz

„Phänomene“ sind nicht leicht zu erklären. Das Rumoren eines süditalienischen Vulkans, die echten Tränen einer westfranzösischen Madonnenfigur – was immer sich dem schlichten Alltagsverstand nicht sofort erschließt, gilt als Phänomen. Und so rätseln wir gerne darüber, warum sich alle Bücher Michael Moores sensationell verkaufen, die Kanutin Birgit Fischer dem „Methusalem-Komplott“ neuen Sinn gibt und die Beliebtheit Thomas Gottschalks keine Grenzen kennt.

Nun dürfen wir hoffen, das GottschalkPhänomen erklärt zu bekommen und zu begreifen, weshalb der dauerjugendliche Mittfünfziger aus dem fränkischen Kulmbach alle Fernsehnasen von Reinhold Beckmann bis Harald Schmidt an Zuspruch übertrifft. Eine Biografie weist die Richtung und zeugt von der ihrerseits phänomenartigen Hochkonjunktur des Genres. Denn wenn wir nicht mehr befähigt sind, uns im Reformdschungel zurechtzufinden, bedarf es des Stützstrumpfes brillanter Karrieren, für die sich die Frage der angemessenen Altersversorgung nicht stellt, um die Welt zu verstehen.

Nach Uschi Glas, Boris Becker oder Jan Ullrich nun also Samstagabendfernsehgott Gottschalk, den Verlagsleiter jahrelang anflehten, seine Erinnerungen niederschreiben zu lassen. Mit dem ehemaligen PEN-Präsidenten Gert Heidenreich hat Gottschalk jetzt einen Biografen gefunden, der einem betont antiintellektuell auftretenden Showmaster den Ritterschlag des Feuilletons vermittelt und ihn sogar, zwischen Herta Müller und Patrick Roth, zum Gegenstand des renommierten Erlanger Poetenfestes macht.

Heidenreich hat – wenn schon, denn schon – „die“ Biografie verfasst, ein Buch, das eine Gratwanderung darstellt. Zum einen wollte der ausgewiesene Erzähler und Lyriker, dessen Texte Freund Gottschalk als „schwierig“ empfindet, nicht unter Niveau gehen und sich vom „Promischrott“ auf dem Biografienmarkt absetzen. Zum anderen galt es, das große Heer (klein)bürgerlicher Gottschalk-Anhänger nicht zu überfordern und den blond gelockten, in Kleidungsfragen kühnen Charmeur nicht auf ein überdimensionales Podest zu stellen, als „Wunder zwischen Nathan, Faust, Hans Albers und Escamillo“ (so das Phänomen Marcel Reich-Ranicki).

Heidenreich hat seine heikle Aufgabe ordentlich gelöst. Er beschreibt Gottschalks Aufstieg vom jungen Pop-Beauftragten des konservativen Bayerischen Rundfunks zum „Wetten, dass?“-König vor dem Hintergrund der bundesrepublikanischen Gesellschaft, deren Aufbrechen Gottschalk in vielerlei Hinsicht widerspiegelt. Anhand seiner Karriere lässt sich die Medienentwicklung der letzten drei Jahrzehnte nachzeichnen, und Heidenreich tut dies kenntnisreich, bisweilen weitschweifig. Da das Porträt aus freundschaftlicher Nähe entstand, kennt es kaum kritische Töne. Gewiss, Heidenreich mokiert sich über Gottschalks Anstrengung, in unsäglichen Kinoschmonzetten zu glänzen – aber es dürften sich kaum verstandesbegabte Menschen finden, die diese längst vergessenen Klamaukstücke nicht kritisch sehen würden.

Mit psychologischem Gespür verdeutlicht Heidenreich, wie es Gottschalk gelang, in die Kulenkampff- und Frankenfeld-Fußstapfen zu treten: Schlagfertigkeit, Menschenfreundlichkeit und Optimismus machten aus dem ehemaligen Lehramtsanwärter einen Sympathieträger, der sorglose Shows verheißt und sich jene so populäre „Natürlichkeit“ bewahrt. Seine Begabung, über dies und jenes ohne Tiefgang witzig zu plaudern und nervenstark zu improvisieren, hat seinen Ruhm begründet und gleichzeitig seine Grenzen markiert: Alle Versuche, sich als ernsthafter Talker zu profilieren, versickerten im Quotensand.

Als Eichendorff-Nachfahren, als „gereiften Taugenichts“ sieht Heidenreich den Porträtieren: eine aparte literarische Referenz, die ein wenig bemüht wirkt. Wo immer sich der Biograf aus den Niederungen des Show-Business erhebt, entfaltet er seine Stärken. Wo er hingegen die „Verblödung und Schamlosigkeit“ der Medien geißelt, klingt manches pauschal, und wo er über den „Gemütskitsch“ der Unterhaltungsmusik nachsinnt, schleichen sich Namens- und Datierungsfehler ein, die den Widerwillen des Autors spiegeln. Rex Gildos „Fiesta Mexicana“ muss man nicht goutieren; ein „Schunkellied“ ist dieser Schlager jedoch nicht.

Heidenreich & Gottschalk, das ist das Traumpaar dieses Herbstes. Wer sich erwärmen möchte am phänomenalen Glanz eines heute vorwiegend im kalifornischen Malibu geführten Lebens, kann dies tun – ohne intellektuelles Magengrimmen. Und nicht zuletzt: Gibt es eine andere Prominentenbiografie, die sich traut, den schönen alten Konjunktiv „stürbe“ zu verwenden?

Gert Heidenreich: Thomas Gottschalk. Die Biographie. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004. 317 S., 19,90 €.

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