Kultur : Tagesspiegel-Wettbewerb: Robert Gernhardt reimt Campus-Lyrik

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Nur dem, der früh schon lernen tut

geht es im spätern Leben gut.

Schaut euch nur die Karrieren an

von Hannibal bis Dschingis Khan.



Dieses Gedicht, das Robert Gernhardt in unserem Campus-Lyrik-Wettbewerb außer Konkurrenz verfasst hat, ist seiner Form nach ein Klassiker: Es besteht aus einer vierzeiligen Strophe, deren Verse sich jeweils paarig reimen (aa, bb). Zwar steht der Paarreim bei Literaturwissenschaftlern im Ruf, der denkbar simpelste und populärste Weg der Reimbindung zu sein, bei dem es sich also nicht um ein zwingendes Merkmal wirklich großer Lyrik handelt. Doch zeigt gerade Gernhardts Gedicht, wie eine klare inhaltliche Aussage durch eine eingängige Form erst eine wirklich scharfe Spitze bekommt. Deswegen muss auch solchen Germanisten widersprochen werden, die in den vier Versen Gernhardts ein Produkt von Reimzwängen (also gesuchten Formulierungen um des Reimes willen) sehen könnten. Mit einer solchen Analyse würde man den Text zu Tode interpretieren.

Hat Sie das Gedicht inspiriert? Die Redaktion wartet gespannt auf weitere Einsendungen. Mitmachen kann jede/r, aber Thema muss das Leben an der Hochschule sein. Alle Dichter werden im Herbst zu einem Besuch in den Tagesspiegel eingeladen. Die besten drei Gedichte werden mit 500, 300 und 200 Mark prämiert, zehn weitere mit Buchpreisen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Einsendeschluss ist der zehnte Oktober. Zur Anregung drucken wir in den nächsten Tagen weiter Lyrik und kurze Interpretationen. Auch erste Einsendungen von Lesern werden wir bereits veröffentlichen. Gute Chancen, gedruckt zu werden, haben besonders Gedichte in maßvoller Länge. Eine Entscheidung über die Gewinner des Wettbewerbs ist damit aber noch nicht getroffen (Einsendungen an die Redaktion des Tagesspiegel, Stichwort "Campus-Gedicht", 10876 Berlin. E-mails bitte an infotsp@tagesspiegel.de , Stichwort "Campus-Gedicht". Fax: 26009-448).

Natürlich muss Lyrik nicht zu Reimen geschmiedet werden. Dennoch bieten sich den Teilnehmern unseres Wettbewerbs neben dem Paarreim à la Gernhardt noch etliche andere Möglichkeiten, zu reimen. Etwa der Haufenreim (aaaa bbbb cccc dddd), oder der Kreuzreim (abab) oder der Schweifreim (aa b cc b). In jedem Fall verlangt der "reine Reim" den genauen Gleichklang von Vokal und Schlusskonsonant vom letzten betonten Vokal an (Frühe - Mühe, Staub - Raub), während "unreine Reime", sich mit ungenauem oder unvollständigen Gleichklang entweder der Vokale oder Schlusskonsonanten begnügen (sprießen - grüßen; Haus - schaust). Mit dem Endreimen angefangen hat in der deutschsprachigen Literatur übrigens Otfried von Weißenburg in seiner Evangelienharmonie (um 870). Bis dahin verwendeten deutsche Dichter den Stabreim, mit gleichlautendem Anlaut - heute hört man diese Sprache noch in Wagner-Opern, etwa in der "Walküre": "Winterstürme wichen dem Wonnemond, in mildem Lichte leuchtet der Lenz ...".

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