Tagestipps : Warten lernen

Es ist Vorweihnachtszeit. Wer es vergessen haben sollte wird aller Orten daran erinnert. Nicht zuletzt im Supermarkt.

Brigitte Grunert

Berlin Es weihnachtet wieder sehr, alle Jahre früher. Lange vor dem Totensonntag weihnachtet es, ach was, in den Supermärkten im September schon. Wo essen die Leute all die Pfefferkuchen, Marzipanbrote und Dominosteine bloß hin?

Advent ist, wenn ein Lichtlein brennt. Unsereiner fand das als Kind mächtig aufregend. Na ja, damals waren schlechte Zeiten, obendrein wurde eisern für Weihnachten gespart. „Alles zu seiner Zeit!“, bekamen wir zu hören. Heutzutage wird ja so getan, als würde die Adventszeit mindestens sieben Wochen dauern. Kaum ist der trübe November da, ist schon die Weihnachtsreklame zu besichtigen. Sogar den Christbaum an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche sah die Rentnerin bereits am Buß- und Bettag blinken. Wenigstens kam niemand auf den Einfall, die Kerzenbeleuchtung zur Unzeit anzuknipsen.

Da lobt man sich jene Eltern, die ihren Kindern das Abwarten beibringen, und ebenso die kleinen Geschäfte, die es mit der Weihnachtswerbung überhaupt nicht eilig haben. Bei unserem Friseur in Schlachtensee hängt neuerdings ein kleiner Mistelstrauß von der Decke, das ist alles, eine wohltuend unaufdringliche Dekoration statt Flitterkram, direkt anrührend.

Auch Frau S. ist beeindruckend konsequent. Frau S. betreibt einen kleinen Confiserieladen in der Breisgauer Straße am S-Bahnhof Schlachtensee. „Konfitüren“ steht über der Tür, vermutlich schon seit 1920. Ihre Weihnachtsspezialitäten bietet sie jetzt noch nicht an, höchstens liegt etwas davon dezent im Hintergrund. Sie hält eben auf Tradition. „Vor Totensonntag keine Weihnachtsdekoration, kein Weihnachtsgeschäft“, sagt sie bestimmt, und ihre Stammkundschaft versteht das.

Frau S. ist nicht mehr jung. Sie führt das Geschäft in dritter Generation, die Großeltern haben es vor 87 Jahren gegründet. Sie wird wohl die letzte Eigentümerin sein, das sieht sie ganz nüchtern: „Die Großen machen die Kleinen kaputt, wenn ich nicht mehr kann, ist hier sicher Schluss.“ Doch gemach, alles zu seiner Zeit.

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