Tagestipps : Weihnachtsrummeln

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann. Heute im Angebot: Berliner Weihnachtsmärkte

Lothar Heinke

Weihnachtsmärkte: Der in Spandau soll ja am traulichsten sein, wegen der echten Altstadtkulisse. Und am Gendarmenmarkt ist es so exquisit dicht gedrängt wie kulturell wertvoll. Wir haben mal in der Mitte angefangen und wollten erkunden, ob ein Rentner auf dem zentralen Weihnachtsrummel am Schloßplatz überhaupt noch ein gefragtes Konsumsubjekt ist oder sich eher fehl am Platze fühlen muss.

Zunächst ist das Erstaunen groß, wie viele bunte Buden und kuschelige Karussellsitze auf dieses relativ schlanke Areal passen. Da ist jeder Millimeter ausgefüllt. 300 Aussteller sollen es sein, auch das Podest vom einstigen Kaiserdenkmal ist besetzt – mit einer Kindereisenbahn, die an alten deutschen Märchenfiguren vorüberschnauft. Damit ist aber dann auch schon Schluss mit der Romantik, es sei denn, Ostalgiker halten „Original Ost-Ketwurst“ zu zwei Euro für eine herzerwärmende Wegzehrung. Den labbrigen DDR-Hot-Dog in roter Curry-Soße zu essen ist ungefähr so, als ob mich jemand zwingen würde, einen Abend lang MDR zu gucken, dabei zu schunkeln und, verschärftes Strafmaß, rhythmisch mitzuklatschen. Also weiter, zum Dresdner Stollen, original mit oder ohne Butter und Rosinen. Dann zu den Globalisierungsmädchen aus Breslau, die dir frische Piroggen in den Mund schieben. Natürlich gibt es lustige Fahrgeschäfte und Spielchen – zum Beispiel führen sieben Dart-Pfeile, die sieben gelbe Luftballons zertrümmern, zu einem flauschigen Knut als Hauptgewinn. Der Herr Rentner hat den Eindruck, dass seine Altersgefährten bei dieser Gelegenheit ihre Ersparnisse mit den Enkeln auf den Kopf hauen, und das geht ganz schnell.

Der Hammer ist ein „Power-Tower“, der „größte transportable Freifallturm der Welt“, ein Teufelsding, bei dem 32 Leute gleichzeitig 66 Meter hoch und dann flugs wieder runterbefördert werden, im freien Fall 15 Meter pro Sekunde. Alles kreischt. Das dreht dem Rentner schon beim Zusehen den Magen um. Und was liest er da? „Ab 60 Jahre halber Fahrpreis“. Methusalem-Rabatt. Na, toll. Lothar Heinke

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