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Das Narbengesicht

Blick in den Spiegel der Stadt: Spike Lee zeigt mit dem New York-Film „25 Stunden“ die Normalität nach dem 11.9.
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Hundehasser werden diesen Einstieg lieben: Die Leinwand ist noch schwarz, da hören wir dumpfe Schläge und das Winseln einer gequälten Kreatur. Doch Hundehasser sollten sich nicht zu früh freuen. Das Tier wird gerettet und läuft an der Leine von Edward Norton durch den ganzen Film. Doyle, so wird sein Retter ihn nennen, ist eine Pitbull-Irgendwas-Mischung. Hässlich aber zäh. Eine erste Metapher auf die Stadt New York, die größte Hauptdarstellerin des Films. Sie wirkt ähnlich angeschlagen wie der Hund – und später auch sein Retter. Sie trägt ihre Verletzungen mitten im Gesicht. Aber sie überlebt.

Ground Zero taucht scheinbar unabsichtlich auf. Ein Blick aus dem Fenster eines Luxusappartements, zunächst noch durch die Reflexionen der Scheibe abgelenkt. Der Dialog zwischen zwei Figuren läuft weiter. Dann erst fährt die Kamera auf die taghell erleuchtete Schuttlandschaft und das Bild löst etwa das Gleiche aus, als würde man bei einem Menschen in eine klaffende Wunde sehen. Man blickt erst zur Seite, weil der Anblick zuviel ist. Dann tasten sich die Augen langsam an das gesamte Ausmaß heran.

„25 Stunden“ ist kein filmischer Leitartikel über New York nach dem 11. September. Aber die Folgen dieses Tages sind eine Folie für die Handlung. Eine schwere Melancholie lastet auf allen Personen, eine Blautönung, eine Blue Mood, liegt über den Bildern – und dem orchestral-schicksalsschweren Soundtrack des Jazz-Trompeters Terrence Blanchard. Die Geschichte aber ist davon abgelöst.

Fast alle Filme von Spike Lee spielen in New York. Es ist nur konsequent, dass er nicht wie andere Filmemacher nachträglich die Twin Towers rausschneidet oder versucht, das Thema zu umschiffen. Sondern zeigt, wie das Leben weitergeht. Oder eben ins Stocken kommt wie das von Monty, gespielt von Edward Norton. Monty hat noch 24 Stunden in Freiheit. Dann muss er eine siebenjährige Haftstrafe antreten. Monty wirkt eigentlich wie ein grundsolider Mitbürger: gepflegte Erscheinung, geschmackvolle Wohnung, schöne Freundin. Leider gründet sein Wohlstand auf dem Handel mit unfeinen Substanzen.

Ziemlich zu Anfang sehen wir einen zerzausten Junkie auf Monty zustolpern. Das ist Simon. Simon sieht aus als röche er nicht gut. Er ist blass, die Augen liegen tief in den Höhlen. Er bettelt Monty um ein bisschen Stoff an. Simon war fünf Jahre Stammkunde und hat sicher einen guten Teil von Montys schöner Wohnung bezahlt. Monty jagt ihn weg. Simon hat nur eine weitere, kurze Szene sehr viel später im Film: Während einer Rückblende geht er kurz durchs Bild und kauft bei Monty ein. Da trägt Simon noch einen dunklen Business-Anzug und lächelt. Da hält der etwas zu laute, etwas zu penetrante Simon sich noch für unverwundbar. Zwei Miniszenen, die die moralische Dimension von Montys Geschäftstätigkeit umreißen.

Solche Lakonie lässt Spike Lee während der gesamten 135 Minuten walten, in denen sich Montys letzte freie Stunden mit Ausschnitten seines Lebens vermischen. Seine beiden ältesten Freunde haben beschlossen, ihm einen Abschiedsabend zu geben. Doch die drei, das stellt sich bald heraus, leben nur noch im Museum ihrer Freundschaft. Jakob (Philip Seymour Hofman), ein verklemmter Lehrer, der im Begriff ist, von einer Schülerin verführt zu werden, und Francis (Barry Pepper) ein großmäuliger Wall-Street-Broker, der als Adrenalin- und Geldjunkie Hunderte Millionen Dollars bewegt: irischer Abstammung und auf hirnrissige Art stolz darauf. Sie wissen, was Monty getan hat und stehen dennoch zu ihm – wegen allgemeinen Irischseins, wegen der gemeinsamen Vergangenheit. Doch ihre Gesten wirken seltsam leer. Zu oft haben sie in entscheidenden Momenten tatenlos zugesehen, wie der andere eine für ihn ungünstige Richtung einschlug. Sie haben erlebt, wie Monty nicht mehr nur ein bisschen Gras auf dem Schulhof vertickte, sondern mit Kilos von Heroin jonglierte. Wozu hat man Freunde, wenn sie einem in solchen Momenten nicht die Meinung sagen?

Die dynamischen Bilder des mexikanischen Kameramannes Rodrigo Prieto haben mit ihrer blaustichigen Körnigkeit schon öfter den urbanen Dschungel ausgeleuchtet. Bekannt wurde er mit „Amores Perros“, einem Kampfhund-Drama aus Mexiko-City und berühmt mit Eminems „8 Mile“. Auch hier gleitet Prietos Linse beinahe mitleidlos über löchrige Fassaden und kaputte Gesichter. Trotzige Schwermut liegt in diesem Blick, der den Verfall kennt, aber ebenso den Überlebenswillen, derer, die ihm ausgeliefert sind. Und den Selbsthass auf die Person, die man nach all diesen Kämpfen im Spiegel erblickt.

Monty hält dort einen Monolog, ein riesiges „Fuck You!“ auf fast alles von koreanischen Lebensmittelhändlern bis hin zu Osama bin Laden – das eigentlich nur ihn selbst meint – dieser Monolog erinnert stark an „Do The Right Thing“, Spike Lees Protokoll eines Tages im New Yorker Viertel Bedford Stuyvesant, an dessen Ende die Straße brannte. Entstanden ist „Do The Right Thing“ vor 14 Jahren. Aber „25 Stunden“ wirkt, als hätte Lee einfach wieder einmal mitten hineingegriffen in das Endloskontinuum seiner Stadt – und weitergemalt an dem großen Sittenbild, das sein Gesamtwerk irgendwann sein wird.

Patriotismus. Diesen Begriff verwendet Spike Lee gern in Interviews. Deutsche Reporter bekommen dann oft einen pflichtgemäßen Schrecken. Spike Lees Patriotismus aber ähnelt dem von Woody Allen. Er ist New York auf die gleiche Weise verfallen. Allen würde vielleicht am Ende kein Lied von Bruce Springsteen spielen. Aber in Zeiten der offenen Wunden halten die Leute nun mal zusammen.

Cinemaxx Colosseum und Potsdamer Platz, Filmkunst 66 und 66 1/2, Filmtheater am Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Yorck und New Yorck, Cinestar im Sony-Center (OV), Odeon (OmU)
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