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Was machen wir heute?

„Das Ding da“ kaufen

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann
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Beim Bäcker sah es früher rustikaler aus. Brote in uralten Holzregalen, und die Schrippen wurden einem in einem Plastekörbchen gereicht. Oder man gab gleich den Beutel rüber. Wenn sie noch warm waren, das war was Besonderes, dann hatte man Glück.

In Prenzlauer Berg gibt es kaum noch richtige Bäcker, also solche, bei denen man nicht gezwungen ist, beim Bestellen alberne Namenserfindungen auszusprechen. Welches Marketing-Genie hat sich den „Wuppi“ oder den „Fan-Block“ ausgedacht? Ich sage dann immer: „Das Ding da, bitte“, um mich nicht auf ihr Niveau herabziehen zu lassen. Mein Kollege Andreas „Spider“ Krenzke hat ja einmal die Theorie aufgestellt, dass die Schlangen vor den DDR-Bäckern aus Zeitreisenden bestanden, die aus der Zukunft kamen, um Ost-Schrippen zu kaufen. Ein verlorenes Gefühl: im Winter in der Schlange vor dem Bäcker stehen, die Schaufensterscheiben sind von innen beschlagen, und es riecht nach Schrippen und Kohlen. Die Schlange ist ja eigentlich ein verkanntes Soziotop, so nah kommt man sich heutzutage nur noch auf dem Sozialamt.

Beim Bäcker Siebert schmeckt es noch wie früher, es gibt sogar manchmal eine kleine Schlange, man wird aber von den netten Damen sehr rasant bedient und darf nicht lange zögern. Die Zeit reicht nie, die vielen Zertifikate zu lesen, mit denen die Wand gepflastert ist. Das Brot hält sich eine Woche ohne pappig zu werden. Man fragt sich, woraus dann das Brot von den anderen ist, das nur ganz frisch halbwegs schmeckt. Eine Gesellschaft kann doch ihr Grundnahrungsmittel nicht so verkommen lassen.

Die Schrippen werden in die Fächer geschüttet. Plunder, Rumkugeln und Kameruner liegen dicht an dicht. Die Kuchenstücken sehen irgendwie so unegal aus, schwer zu beschreiben, eben wie früher beim Bäcker. Jochen Schmidt

Bäckerei und Konditorei Siebert, Schönfließer Straße 12 am Arnimplatz, Prenzlauer Berg. Dienstag – Freitag 6 .15 – 18 .30 Uhr, Sonnabend 6.15 - 12.30 Uhr, Montag geschlossen.



(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 18.02.2009)
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Kommentare [ 2 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von corsten corsten ist gerade offline | 18.2.2009 15:36 Uhr
Tausend Dank für den Tip!!
Allein schon die Delikatesse von Schillerlocke, die ich heute zum Testen verschlang,!!

SIEBERT gehört in die kleine, feine Reihe fortexistierender Ost-Bäckereien, die rar und jeweils unvergleichlich sind :

BALTZER in der Sophienstraße,
HACKER in der Stargarder Straße,
SCHUBBERT in der Palisadenstraße,
BRAUNE in Potsdam in der Friedrich-Ebert-Straße

Im ehemaligen West-Berlin gibt's auch noch welche, aber schon lange nicht mehr mit diesem gewissen Etwas der vorgenannten.
Comment
von choco choco ist gerade offline | 18.2.2009 22:35 Uhr
noch einer:
Varnhagen Ecke Kugler - und da kann man Sonnabends noch Schlange stehen!

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