Kultur : Taggestalten

PANORAMA In „Komm näher“ erzählt Vanessa Jopp drei Berliner Alltags-Episoden

Jan Schulz-Ojala

Man kann um diesen Film herumgehen wie um eine Berliner Litfaßsäule, Bilder angucken hier und da, Fangen spielen so herum oder so herum, und plötzlich geht eine Tür ins Innere auf und du versteckst dich drin. Etwas Kindlich-Verspieltes hat „Komm näher“, dabei wird dauernd vor- bis postpubertär geflucht und gestritten, dass es eine wahre Pracht ist, am Ende aber sind alle verdammt lieb in einem Film, dem man in keinem Augenblick böse sein will und kann. Drei Geschichten erzählt die 34-jährige Vanessa Jopp in ihrem dritten Film, drei allerlosest aneinander geknüpfte Geschichten von Berliner Taggestalten, allesamt Loser auf ihre Art, nur haben sie das Größte noch zu verlieren, zum Beispiel die Hoffnung auf Liebe. Oder zu gewinnen?

Mathilda geht schon länger borderline zwischen Kürzestjobs und Kürzestficks, und Meret Becker spielt diese Rolle verzweifelt rotzfrech wie schon lange nichts mehr. Irgendwie verliebt sie sich in einen hübschen Jungbullen (Hinnerk Schönemann) und stellt, hoffentlich rufen die Nachbarn wieder die Polizei, bloß seinetwegen die Musik in ihrem Einzimmerloch auf Heavy-Hardcore-Noise. Die Putzfrau Johanna (Heidrun Bartholomäus) hat mit ihrem Pummeltöchterchen Mandy (Marie-Luise Schramm) Dauerzoff, aber was, wenn sich plötzlich beide in den gemütlichen Dreizentner-Taxifahrer Andi (Fritz Roth) verlieben? Und da ist auch noch das junge Frust-Ehepaar mit Sohn, Mama Ali (Stefanie Stappenbeck) markiert als Landschaftsarchitektin auf überarbeitet und cool, Papa David (Marek Harloff) ist als intellektuell-übersensibler Hausmann nicht ausgelastet und fängt was mit der zarthübschen Hausfreundin (Jana Pallaske) an.

Vanessa Jopps freundlicher Blick schweift von der einen zur anderen und zur dritten Geschichte, die wir uns allesamt gerne erzählen lassen, und auch der Schnittmengen-Moral – wenn man sich zu seinen Gefühlen bekennt, wird alles gut – ist vorbehaltlos zuzustimmen. Mathilda muss einfach Glück wünschen, wer ein Restherz sein eigen nennt, und auch die Mama-Mandy-Andy-Geschichte hat bitteschön gut auszugehen. Zum Glück gibt’s auch für die Kleinfamilie eine angemessene Lösung, als die schunkelnde Litfaßsäule dieses Films schon bedenklich abzuheben droht, oder ist uns nur schwindlig geworden beim Zusehen?

So fehlt „Komm näher“ vielleicht jener Charme, jene Kohärenz und Leichtigkeit auch, die Jopps Erstling „Vergiss Amerika“ (2000) auszeichneten. Andererseits fehlt der arg angestrengte Stilwille ihres Punker-Poems „Engel + Joe“ (2001) ebenfalls, und sowas freut einen doch. Das guckt sich so weg, das Filmchen? Aber nein, das guckt sich so hin.

Heute 21.30 Uhr (Zoo-Palast), 17. 2., 13.30 Uhr (Cinemaxx 7), 18. 2., 14.30 Uhr (International)

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