Kultur : Tagträume vom Leben

In geisterhafter Lebendigkeit: Gisela Scheidlers intime Theaterfotos im Café Einstein

Peter von Becker

Vor drei Jahrzehnten war das erst der größte Premierenskandal und alsbald die meistgeliebte, umjubelste Shakespeare-Aufführung der neuen deutschen Theatergeschichte: Peter Zadeks „Othello“-Inszenierung im Hamburger Schauspielhaus – mit dem mohrköpfigen, mörderisch zärtlichen Ulrich Wildgruber als King Kongthello und der schamlos unschuldigen Desdemona von Eva Mattes (rechts im Bild mit Christa Berndl als Emilia). Nun sitzen und stehen uns die Theaterhelden und Legenden von einst auf einmal in neuer, geisterhafter Lebendigkeit auf Augenhöhe und lebensgroß gegenüber. Die Berliner Fotografin Gisela Scheidler hat im Galerieraum des Café Einstein Unter den Linden ihre Ausstellung „Zadek on stage“ als Reigen nachdenklich versammelter Menschenbilder inszeniert. Nie dominiert die heftige Aktion, immer wird der Zuschauer eingeladen, Schauspieler oder den Regisseur Peter Zadek gleichsam in den Ruhephasen, beim Innehalten und neugierigen Beobachten selbst zu beobachten.

Meist hat Gisela Scheidler nicht die fertigen Aufführungen, sondern die Proben, die Pausen fotografiert und dabei nicht einfach Abbilder gemacht. Es sind eher Inbilder von Künstlern und künstlerischen Prozessen. Behutsam aufgenommen, und selbst in der enormen Vergrößerung der Motive – mit Hilfe besonderer Kopien, so genannter Internegative von den originalen Kleinbildfilmen – wirken die Fotos noch im Schrillsten, Grotesken (beispielsweise bei Zadeks Bochumer „Hamlet“ mit Wildgruber und Mattes) sonderbar intim. Fast diskret. Und es scheint jederzeit die Vertrautheit der Fotografin mit Zadek und seinen Schauspielern durch.

Ein zweiter Reiz dieser exquisiten kleinen Ausstellung ist: Das Theater wird zwar als Kunstform gespiegelt, doch zugleich als Reflexion über eine Welt außerhalb des Theaters gezeigt. In Farbe und in Schwarz-Weiß, von Hamburg, Berlin und Bochum bis Paris.

Café Einstein, Unter den Linden 42 (Mitte). Tägl. 10-20 Uhr, bis 18. November.

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