Kultur : Tagtraum eines Taugenichts

Ein starkes Kinodebüt, eine kleine göttliche Komödie: „Nói Albinói“ aus Island

Hans-Jörg Rother

Am liebsten verkriecht er sich in einem winzigen Keller. Er liest dort viel, vielleicht Kierkegaard, auf den ihn der Buchhändler gebracht hat. Oder er sinnt darüber nach, wie er der Langeweile und dem ewigen Schnee entkommen kann. Die Großmutter hat Nói zum Geburtstag ein Spielzeug geschenkt, das einen sonnigen Strand unter Palmen vorgaukelt. Als er mit dem Träumen Ernst machen und abhauen will, lässt ihn Iris, das Mädchen von der Tankstelle, im Stich. Die Polizei holt den gestohlenen Wagen schnell ein.

Nói ist ein Taugenichts. Morgens muss ihn die Großmutter mit einem Gewehrschuss wecken. In der Schule schläft er weiter und gibt anstelle der Mathearbeit ein leeres Blatt ab. Dann fliegt er raus – und darf auf dem Friedhof Gräber im Frostboden ausheben. Das ist schwerer, als den Spielautomaten im Imbiss der Tankstelle zu manipulieren. Schwerer auch, als über das vereiste Dach zur Mansarde von Iris zu klettern. In diesem Bergdorf fällt es überhaupt schwer zu leben. Die Großmutter verstummte mit den Jahren. Der Vater, der das einzige Taxi fährt, trinkt und zertrümmert eines Tages das Klavier aus besseren Tagen. Allein Nói hat noch einen Traum.

Tómas Lemarquis spielt den Außenseiter: eine lange, schlaksige Gestalt mit blasser Haut, blassen blauen Augen, kahlgeschorenem Kopf. Mit abweisendem Gesicht, im Innern hellwach, läuft er durch die Siedlung. Nicht einmal die Kassiererin der Bank, die er mit dem Gewehr bedroht, nimmt ihn ernst. Alle sind treue Diener ihres Schicksals, sogar Iris, die aus der Stadt zurückkam und nichts mehr riskieren will. Dem Taugenichts bleibt nur das fensterlose Kellerloch.

Mit „Noí Albinoí“ hat der 30-jährige Dagur Kári – er beendete 1999 die Filmhochschule in Kopenhagen, sein Abschlussfilm „Lost Weekend“ gewann ein Dutzend Festivalpreise – eine wunderbare kleine Parabel geschaffen. Der theologische Geist ist nicht zu verkennen. Aus dem Stand der Schuld tritt Nói in den der unverdienten Gnade. Während die Lawine wie ein Donnerkeil auf das Dorf niederfährt, erweist sich das Kellerloch als Rettungsinsel. Ein Vaterunser für die Toten will der Bursche trotzdem nicht mit dem Pfarrer sprechen; das wäre zuviel der Förmlichkeit. Stattdessen nimmt das Bild vom Palmenstrand in seinem Herzen Gestalt an.

Rasmus Videbaek, der Kameramann, hat den Film mit verstörend kühlen Bildern ausgestattet. Sie betonen den mythischen Charakter, ihre Schärfe erzeugt Distanz. Die Totalen sagen viel über das Wagnis des Lebens an diesem unwirtlichen Ort unter dem Berg – einem Berg der Schuld. Es ist dieser Stil, der den Zuschauer dennoch von mitleidigem Bangen befreit: „Nói Albinói“ ist keine Schicksalstragödie, sondern eine kleine göttliche Komödie, deren Humor zuweilen an den Finnen Aki Kaurismäki erinnert. Aber es ist ein Humor in helleren Farben: Wo Gnade waltet, haben weder Trauer noch Stolz Platz. Und das Leben erscheint als Bruchstück eines höheren Experiments.

Die Glaubwürdigkeit der Bilder ist nicht allein den Originalschauplätzen im Westen Islands zu verdanken, sondern auch der Mitwirkung von Laien. Die Großmutter wird von einer Postbotin verkörpert, die Darstellerin der Iris fand Kári in einem vegetarischen Restaurant, für andere Rollen gewann er Freunde. Als Nächstes dreht Kári übrigens einen Dogma-Film. In Dänemark.

Blow Up, Kino in der Kulturbrauerei, Neues Kant, OmU im fsk am Oranienplatz

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