Kultur : Tagtraumwärts

„Toni Takitani“ übersetzt die Welt des Japaners Haruki Murakami ins Kino

Jan Schulz-Ojala

So allein.

So klaglos allein.

So entsetzlich klaglos allein.

Nein, nicht entsetzlich: Einsamkeit ist der Sauerstoff, den Haruki Murakamis Helden atmen. Männer jenseits der 30, eigenbrötlerische Einzelkinder, ausgewachsen zu verletzlichen, verschlossenen Einzelmännern. Spielt keine Rolle, ob sie verheiratet (gewesen) sind wie Toru Okada in „Mister Aufziehvogel“. Oder Singles, die frühen Lieben hinterhertrauern wie Toru Watanabe in „Naokos Lächeln“. Oder ob sie eine Geliebte (gehabt oder erträumt) haben und einstweilen verheiratet bleiben wie Hajime in „Gefährliche Geliebte“: Haruki Murakamis Helden sind mitten im Leben und menschenseelenallein.

Auch Toni Takitani ist so einer, 37 Jahre alt, als Designer erfolgreich und auch ein bisschen reich geworden, aber was heißt das schon. Die Mutter kurz nach seiner Geburt gestorben, der Vater, ein Jazzposaunist und Lebensstreuner, bald seiner Wege gegangen. Schon früh, da war er fast noch Kind, hat Toni Takitani Haushälterinnen einfach weggeschickt. Und immer so weitergemacht ins Größerwerden, autistisch autonom. Aber dann kommt SIE: erst 22, schöne Kleider trägt sie und mit großer Lust, das fällt ihm fast als Erstes auf. Natürlich verfällt ihr Toni Takitani.

Und heiratet sie. Und sie kauft und kauft. Nein, das Geld geht nicht aus, aber als er sie, da hat sie längst tausend Kleider und 112 Paar Schuhe, zur Zurückhaltung ermahnt, ruiniert er sie und sich, wie aus Versehen. Geht ganz schnell, dass so einer wieder allein ist. Das leuchtet schon mitten im Glück auf: „Die Furcht davor, was er tun würde, sollte er eines Tages wieder einsam sein, verfolgte ihn wie ein Schatten.“

Wovon ist die Rede: von einer Erzählung? Ja und nein. Schließe die Augen, und „Toni Takitani“, Jun Ichikawas cineastischer Traum einer Murakami-Miniatur von 1996, ist ein Hörbuch. Öffne sie, und sie ist ein Lesefilm. Hier spricht niemand einen Off-Kommentar zu Bildern, Handlungen, Dialogen. Nein, der Held ist der Text, der alles nach sich zieht. Der Bilder heraufbeschwört, tagtraumwärts, mit jenem Zauber des Ungefähren, den wir beim Lesen empfinden.

In 75 Minuten erzählt Toni Takitani, die erste Leinwandfigur aus dem Universum Haruki Murakamis, seine Geschichte. Eine kleine Geschichte. Manchmal löst sich die Figur auf der Leinwand wie aus ihrer Bestimmungstrance und spricht einen Satz zu Ende, den das unsichtbare ICH angefangen hat: Guck an, die Marionette lebt, die Marionette bist du ja selber. Und die Kamera rückt unermüdlich von links in eine Szenerie und treibt nach rechts in die nächste: die Bewegung, wie unsere Augen sie beim Lesen machen. Oder unsere Hand, wenn sie beim Umblättern das Rascheln vermeidet. Dazwischen fast Schwarzfilm, körnigstes Anthrazit: Lidschlag.

Die Farben: entfärbt bis ins Monochrome. Etwas Grünblaugraudunkles über allem, dem Draußen, dem Schrankzimmer mit den Kleidern, der Haut. Grünblaugrau: die Unterwasserfarbe der einsamen Menschen, ihre Algenwelt. Kann schon sein, du blätterst in dem Buch dieses Films, und deine Hände nehmen diese graublaugrüne Farbe an.

Man kann seine Geschichte zu klein finden. Eine Liebschaft, die in eine leere Ehe stürzt, die zufällig über einer Kaufsucht zerbricht, ohne dass darüber wenigstens richtig gestritten worden wäre. Passiert denn da was zwischen den Menschen und wirklich? Schon falsch gefragt. Man kann die Bilder auch manieriert finden: die wunderbare Idee etwa, Menschen als Winzlingsgesichter von unten in die Leinwand zu zaubern und wachsen und weghüpfen zu lassen rechts aus dem Bild. Aber warum dieser Einfall gleich dreimal? Wieder falsch gefragt. Andernnachts geistern dir die Bilder durch den Traum: Eigentlich war da nichts, doch schon bist du dem verfallen.

Äußerste Reduktion. So spielt Issey Ogata zwei Rollen. Er gibt der Figur des Toni Takitani sein Gesicht, seinen Körper, und den Vater spielt er auch: Vorgeschichte der Einsamkeit. Am Anfang ist es ein Gefängnis, in dem der Vater kauert; eine Überblendung weiter liegt Toni so zwischen den Sachen seiner gewesenen Frau. Rie Miyazawa spielt diese blasse Schönheit, und nachher finden wir ihr Gesicht, ihren Körper in der Person des Mädchens wieder, das Toni einstellt, weil es im Büro all die schönen Kleider auftragen soll. So geht das: Alle Frauen verschmelzen zu einer einzigen, die auftaucht und verschwindet im Leben eines Mannes, der allein ist.

Sehr spät hebt an, was man Film nennen könnte im herkömmlichen Sinne, eine kleine Eigenmächtigkeit des Regisseurs gegenüber dem gegebenen, angenommenen Text. Ein kurzer Dialog zweier Nebenfiguren, ein Hin und Her und Hin, jemand wird aufgehalten, als das Telefon klingelt, sowas kommt vor. Ja, etwas kommt vielleicht der Einsamkeit zuvor und dazwischen, und plötzlich ist da ein unglaublich blasses Gelb und ein Lila, und das Telefon klingelt und klingelt. Aber hörenlesensehen Sie selber.

In Berlin ab Donnerstag im Babylon Mitte, Broadway, FT Friedrichshain und fsk (OmU). Kinos. Die Erzählung (64 Seiten, 16 €) ist soeben im Kölner DuMont Literaturverlag erschienen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben