Tagung des Weltkulturerberates : Schaut her, was wir zu bieten haben

Speicherstadt, Felszeichnungen und die Champagne: 38 Stätten bewerben sich um die Aufnahme in die Unesco-Kulturerbeliste.

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Deutsche Bewerber. Der Naumburger Dom, die Hamburger Speicherstadt.
Deutsche Bewerber. Der Naumburger Dom, die Hamburger Speicherstadt.Foto: dpa

Richtig stolz auf die Bauten des Industriezeitalters ist die Gegenwart immer erst im Moment von deren Verschwinden. So geht es der Hamburger Speicherstadt, die wegen der Verlagerung des Hafens ihre Funktion eingebüßt hat, auch genügen die Kontorhäuser der Innenstadt – mit dem expressionistischen Chilehaus – den heutigen Anforderungen an Büroräume nicht mehr. Nun bewirbt sich das Ensemble zur Aufnahme in die Unesco-Welterbeliste.

Auf seiner an diesem Sonntag beginnenden 39. Sitzung wird das Welterbekomitee darüber befinden. Da die deutsche Staatsministerin Maria Böhmer zur Zeit den Vorsitz inne hat, tagen die Delegierten in Bonn, ihnen liegen 38 Anmeldungen aus 26 Staaten vor. Aus Deutschland sind außerdem die „hochmittelalterliche Herrschaftslandschaft an Saale und Unstrut“ rings um den Naumburger Dom dabei sowie die Wikingerstätten – in einer Gemeinschaftsbewerbung mit Dänemark, Norwegen, Island und Lettland.

Eigentlich will das Komitee der Antragsflut Einhalt gebieten. Angesichts von mittlerweile 1007 Eintragungen auf der Kultur- wie der Naturerbeliste ist das nur zu verständlich. Vor allem soll die Dominanz der europäischen Kulturländer zurückgedrängt werden, die in den ersten Jahrzehnten nahezu unter sich blieben. Die aktuellen Anmeldungen spiegeln diesen Wandel denn auch: Mit dem Iran, Israel, Jordanien und Saudi-Arabien ist der Nahe und Mittlere Osten stark vertreten, aus der Türkei ist Ephesos dabei.

Die Speicherstadt in Hamburg.
Die Speicherstadt in Hamburg.Foto: dpa

Dabei handelt es sich um nicht wenige politisch brisante Orte: aus Israel die Gräberstätte von Bet She’arim, die als „Wahrzeichen der jüdischen Erneuerung“ apostrophiert wird, aus Jordanien die Taufstelle Jesu am Jordan, eine der beiden vermuteten Taufstellen, der immerhin bereits drei Päpste ihre Referenz erwiesen haben. Saudi-Arabien, das seine Stätten des frühen Islam nicht nur verwahrlosen lässt, sondern etliche unter dem Verehrungsverbot der wahabitischen Lehre sogar zerstört hat, wirbt für die uralten Felszeichnungen der Oasenstadt Ha’il. Auf vorislamische Altertümer setzt auch der Iran, mit der Nominierung des seit vermutlich 3000 Jahren bewohnten, in den Fels gegrabenen Höhlendorfes Maymand.

Die Entscheidungen werden am 5. Juli bekanntgegeben

Bei all diesen Anträgen geht es zweifelsohne auch um das jeweilige Primat der ältesten kontinuierlichen Ansiedlung. Um das Recht am Land, um ein weiteres Argument beim Ringen um die politische Vorherrschaft in dieser höchst von Kriegen und Unruhen erschütterten Weltregion.

Von anderer Brisanz ist die Anmeldung Japans. Das Land will die frühen Industriestätten der Meiji-Zeit (1868 – 1912) als Zeugnisse der Modernisierung auf die Liste bringen. Ironischerweise bedeutet Meiji als Regierungsmotto des Tenno Mutsohito „aufgeklärte Herrschaft“. Doch spätere japanische Regierungen ließen gegen Ende der kolonialen Herrschaft über Korea im Zweiten Weltkrieg bis zu 60 000 Zwangsarbeiter in den nun angemeldeten Fabriken schuften. Deshalb hat Korea, das seit Jahrzehnten auf eine Anerkennung des erlittenen Unrechts seitens Japans wartet, eine diplomatische Offensive gegen die geschichtsvergessene Nominierung gestartet.

Ob die Unesco-Welterbeliste der geeignete Ort ist, historische Kontroversen auszutragen, darf man bezweifeln. Wer die Pflege seiner Kulturstätten politisch instrumentalisiert, dürfte jedenfalls auf die Skepsis der rund 1000 Delegierten stoßen, die ihre Entscheidungen am 5. Juli bekanntgeben wollen. Bislang basiert die Liste jedenfalls auf dem Prinzip der Nichteinmischung. Möglichst viele Unterzeichner der 1972 verabschiedeten Unesco-Welterbekonvention, 191 Länder an der Zahl, sollen möglichst ausgewogen vertreten sein; ein Ziel, das zu erreichen es wohl noch vieler weiterer Nominierungsrunden bedarf. Hinzu kommt das immaterielle Kulturerbe, dessen Hauptliste derzeit 314 Bräuche umfasst.

Denn auch die Europäer engagieren sich nach Kräften und wollen ihre Positionen weiter ausbauen. Frankreich und Spanien kommen diesmal mit Weinbau-Regionen, hier die Champagne, dort Rioja. Sollte Deutschland da nicht mit Rhein und Mosel nachziehen? Angesichts einer solchen Ausweitung der anfangs auf konkrete Objekte fokussierten Liste ist es geradezu eine Erleichterung, dass Großbritannien nur einzelnes Monument des Industriezeitalters nominiert hat: die grandiose Eisenbahnbrücke über dem stürmischen Meeresarm Firth of Forth. Für politische Kontroversen und noch nicht einmal für den überfälligen Disput über eine sinnvolle Eingrenzung zulässiger Welterbe-Nominierungen.

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