Kultur : Tahar Ben Jelloun: Ich bin der Welt abhanden gekommen

Jörg von Uthmann

Es sind maghrebinische Geschichten, aber von einer anderen Art als die Schnurren des gemütlichen Plauderers Gregor von Rezzori. Die Isolationshaft, die Malika Oufkir vor zwei Jahren in ihrem Bestseller "Die Gefangene" beschrieb, war kein humorvolles Abenteuer. Ihr Vater, der Innenminister Hassans II., hatte nach dem misslungenen Putsch im August 1972 Selbstmord verübt. Seine Witwe Fatima wurde mit ihren sechs Kindern in erbärmliche Wüstenverliese verbannt. 1991, nach beinahe 20 Jahren, glückte vier Kindern die Flucht. Zwar wurden sie in Tanger ergriffen, doch war es ihnen gelungen, vorher Kontakt mit dem Ausland aufzunehmen. Die Proteste gegen die unmenschliche Sippenhaft blieben nicht ohne Wirkung: Die Familie wurde freigelassen.

Im gleichen Jahr 1991 wurden auch die Gefangenen von Tazmamart, einer abgelegenen Kaserne nahe der marokkanisch-algerischen Grenze, auf freien Fuß gesetzt. Als junge Offiziere und Unteroffiziere hatten sie am Staatsstreich vom Juli 1971 teilgenommen. Während ihre Vorgesetzten erschossen wurden, verschwanden sie in der Oubliette. Wer Glück hatte, kam in den ersten Block. Hier war das Wasser trinkbar, und mit Hilfe bestechlicher Wärter gelang es, Medikamente, Briefe und sogar ein Radio einzuschmuggeln. Von 29 Gefangenen überlebten 22. Im zweiten Block waren die Verhältnisse schlechter. Hier überlebten von gleichfalls 29 Gefangenen nur sechs. Nach der Entlassung der Gefangenen wurde die Kaserne abgerissen und zur Beseitigung aller Spuren ein Wald angepflanzt.

Die grauenvollen Verhältnisse in Tazmamart sind seit vielen Jahren bekannt. Dies ist vor allem zwei Büchern zu danken - Gilles Perraults "Notre ami le roi" (Unser Freund, der König, 1991), einer schonungslosen Abrechnung mit den dunklen Seiten der Regierung Hassans II., und Christine Daure-Serfatys "Tazmamart, une prison de la mort au Maroc" (Tazmamart, ein Gefängnis des Todes in Marokko, 1992). Jetzt sind wieder zwei Bücher über das Bagno im marokkanischen Hochland erschienen. Das eine stammt von einem Insassen selbst. In "Tazmamart Cellule 10" beschreibt Ahmed Marzouki seine 6550 Tage in einer lichtlosen Einzelzelle, die geisttötende Langeweile, die Schikanen, den Schmutz, den Gestank, das kaum genießbare Essen. Wenn es dunkel wurde, diskutierten die Gefangenen oder erzählten sich die Inhalte von Romanen und Filmen. Dies war der Augenblick, auf den jeder den ganzen Tag wartete, ein Überlebenstraining. Aber nicht jeder hielt durch. Einigen gelang es, sich das Leben zu nehmen. Andere verloschen von einem Tag auf den anderen. Wieder andere wurden wahnsinnig. Marzouki lebt noch immer in Marokko. Da ihm die Regierung einen Pass verweigert, konnte er sein Buch in Paris nicht selbst vorstellen.

Weitaus größeres Aufsehen erregte das zweite Buch, was teils mit der Person des Autors zusammenhängt, teils mit den sonderbaren Umständen, die sein Erscheinen begleiteten. Der 57-jährige Tahar Ben Jelloun ist unter den marokkanischen Schriftstellern, die Französisch schreiben und im Pariser Exil leben, der bekannteste. 1987 erhielt er für seinen Roman "La nuit sacrée" (Die heilige Nacht), die Geschichte eines Mädchens, das als Junge großgezogen wird, den Prix Goncourt. Nicht minder erfolgreich war vor vier Jahren "Le racisme, expliqué à ma fille" (Rassismus, meiner Tochter erklärt). Auch sein neues Buch "Cette aveuglante absence de lumière" (Diese blendende Abwesenheit von Licht) wurde von den Rezensenten freundlich aufgenommen. Kritik regte sich von anderer Seite. Marokkanische Landsleute halten dem Starautor vor, Menschenrechtsverletzungen in allen möglichen Ländern der Welt gegeißelt zu haben, nur nicht in Marokko. Jetzt, nach dem Abriss von Tazmamart, sei es keine Mutprobe, das Verlies anzuprangern. Ben Jellouns Erwiderung: Von Tazmamart habe er nur sehr vage Vorstellungen gehabt. Im übrigen habe er Rücksichten auf seine in Marokko lebende Mutter nehmen müssen. Nicht einmal die Oppositionsparteien hätten es gewagt, die Strafkolonie zum Thema zu machen.

Andere beschuldigen Ben Jelloun, nicht Reue über seine frühere Gleichgültigkeit habe sein Interesse geweckt, sondern Malika Oufkirs Bestseller-Erfolg. Auch Ben Jelloun stützt sich auf die Erinnerungen eines Häftlings, Aziz Binebine, dem er sein Buch widmet. Wer zuerst an wen herantrat, ist umstritten: Ben Jelloun versichert, der in Paris lebende Bruder von Binebine habe ihm den Stoff angeboten. Über die Aufteilung des Honorars waren zunächst Gerüchte im Umlauf, die kein günstiges Licht auf den Dichter warfen. Doch versichern jetzt beide Seiten, der Vorschuss - 817 000 Francs (250 000 Mark) nach Steuern - sei brüderlich geteilt worden.

Einen Bestseller schreiben zu wollen, ist kein Verbrechen, und auch die Verwendung eines Kronzeugen ist legitim. Bedenken könnte man gegen die Verarbeitung der Zeugenaussage haben. Ben Jelloun nennt sein Buch einen Roman. Dem Häftling hat er einen Vater beigegeben, der Hofnarr ist und sich sofort von seinem gestrauchelten Sohn distanziert. Er lässt seinen Helden über den Tod, den Hass und das Schweigen meditieren. Einige werden dies als poetische Überhöhung empfinden, andere als überflüssige Zutat. Wer wissen will, wie es in Tazmamart wirklich zuging, wird sich an den Bericht von Ahmed Marzouki halten.

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