Kultur : Takt für Takt

Ziemlich lustig: „The Saddest Music of the World“

Sebastian Handke

1933, Weltwirtschaftskrise, Winnipeg: In der Welthauptstadt des Kummers, eine der kältesten Siedlungen der Welt, lobt die extravagante Bier-Baronin Lady Port-Huntly (großartig: Isabella Rossellini) einen Wettstreit aus: Jede Nation soll ihre traurigste Musik präsentieren. Die traurigste wird belohnt mit einer Krone aus gefrorenen Tränen und 25 000 depression-era-dollars. Trauergäste aus aller Welt strömen herbei – eine erhabene Feier des Elends, ein rauschendes Fest!

Vor halb vollen Biergläsern, unterbrochen nur von der unbarmherzigen Signalsirene der Kampfrichterin, messen sich Mexiko und Siam, Kanada und Kamerun, Serbien und Schottland. Der kanadische Veteran Fyodor (David Fox) spielt am gekippten Klavier, damit er knien muss. Ein serbischer Cellomeister Gavrillo der Große (Ross McMillan) trägt die Bürde Serbiens für die Schuld am großen Krieg. Der zynische Broadway-Produzent Chester (Marc Mc Kinney) brilliert mit Showeinlagen: „I’ve got schmaltz routines that can wring sobs from a moose.“

„The Saddest Music of the World“ ist ein ziemlich komischer Film. Der kanadische Filmemacher Guy Maddin verleibte eine Erzählung von Kazuo Ishiguro seinem sehr speziellen Kosmos ein. Maddins Filme wollen psychologisch genau sein und zugleich surreal: Märchen und Melodram mischen sich zu schimmernden, schwarz-weißen Filmtraumwelten, als seien sie zu Zeiten des expressionistischen Stummfilms entstanden. Den Wettstreit um die traurigste Musik der Welt macht Maddin zum Anlass eines Psychodramas zwischen zwei heimkehrenden Söhnen und ihrem Vater: Nur wer sich erinnert, kann auch trauern.

Fyodor nämlich ist Vater von Chester und Gavrillo. Einst hat er Lady P. das falsche Bein amputiert, er macht sie wieder glücklich mit einer prächtigen Prothese aus blitzendem Glas (sie ist mit schäumendem Bier gefüllt). Gavrillo trägt das Herz seines toten Sohnes mit sich herum, konserviert in den eigenen Tränen. Auch Chester hätte Grund zur Gram, weigert sich aber mit beharrlicher Amerikanisierung. „What else ist sadness but happiness turned on its ass? It’s all showbiz!“ So werden die Brüder zu Antipoden des Wettstreits – Amerika gegen Serbien.

Die Zutaten dieses verwegenen Films hätten zu einem prätentiösen Schlamassel führen können. Guy Maddin aber entspinnt daraus mit leichter Hand ein verspieltes, ironisches Melodram und ein unterhaltsames Musical voll dunklen Humors und absurder Einfälle. Am Ende vergeht der Traum in einem großen Feuerzauber – und einer der kuriosen Helden geht darin standesgemäß unter: singend und mit Haut und Haaren.

Blow Up, Central, Eiszeit (alle OmU)

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