Talent Campus : Aus Erfahrung gut

Was die 29-jährige Schauspielerin Nina Fog beim Talent-Campus erlebt.

von
324152_0_c23a6d10.jpg
Am Set. Schauspielerin Nina Fog zwischen zwei Übungsszenen. -Foto: Thilo Rückeis

Erst mal frühstücken. Im großen Theatersaal des HAU 2 in Kreuzberg ist ein langes Buffet aufgebaut. Croissants und Obstsalat für 350 junge Filmleute, die unter 4773 Bewerbern aus 145 Ländern für den Talent-Campus der Berlinale ausgewählt wurden. Nina Fog sitzt an einem Tisch und unterhält sich mit einem indisch-amerikanischen Regisseur. „I love acting“, sagt sie. Es klingt sehr britisch und sehr überzeugend.

Fog ist 29 Jahre alt, Schauspielerin mit japanisch-dänischen Wurzeln, aufgewachsen in Wien, Wohnsitz in London. Ihre erste Filmrolle hatte sie 2003 in Michael Winterbottoms Sci-Fi-Drama „Code 46“, auch im deutschen Fernsehen ist sie schon aufgetreten, in einer Folge der ZDF-Serie „Kommissar Stolberg“. „Hier sind viele junge, talentierte, ehrgeizige Menschen“, hatte Fog im Gespräch kurz zuvor ihre Festivaleindrücke beschrieben – auf Deutsch, mit österreichischem Einschlag. „Man spürt das Internationale. Alle reden Englisch – und über Film.“ Auch noch spätabends an der Bar des Hostels, in dem viele der Campus-Teilnehmer untergebracht sind.

Was sie sich von ihrer Zeit in Berlin verspricht? „Ich will Kontakte knüpfen, für später.“ Tatsächlich hat das Berlinale-Nachwuchstreffen schon einige Karieren begründet. In diesem Jahr etwa sind die ehemaligen Talente David Sieveking mit „David Wants to Fly“ (in der Panorama-Sektion), Jenna Bass mit „The Tunnel“ (Shorts) und Rusudan Pirveli mit „Susa“ (Generation) auf dem Festival vertreten. (Am heutigen Mittwoch ab 17 Uhr sprechen die drei auf einem Podium im HAU 2 über ihre Erfahrungen.)

Der Talent-Campus ist allerdings nicht nur Kontaktbörse und Klassenfahrt für junge Schauspieler, Regisseure, Kameraleute, Drehbuchautoren und Produzenten, sondern bietet auch ein umfassendes Programm mit Vorträgen und Workshops. Nina Fog nimmt am „Actors Cut“ teil, einem Schauspieltraining unter realistischen Bedingungen. Darsteller studieren eine Szene ein, führen sie auf einem Filmset vor der Kamera auf und analysieren dann das vor Ort geschnittene und auf Leinwand projizierte Ergebnis.

Die schottischen Brüder Andrew und Gregory Byatt haben das Konzept entwickelt. „Experiential learning“ – Lernen durch Erfahrungen – bringt Andrew es auf den Punkt. 2001 fand der erste „Actors Cut“ in Glasgow statt, 2003 ging es in London los. Bis jetzt laufe es gut, lächelt der kleine, drahtige Mann mit dem schlohweißen Scheitel. „Wenn du dein Gesicht zwölf Meter groß auf der Leinwand siehst – da lernst du!“

Zwei Tage nach dem Frühstückstreffen steht Nina Fog in einer Wohnzimmerkulisse auf der Bühne des HAU 3, ein paar hundert Meter Luftlinie von den Obstsalatschüsseln entfernt. Ihren Text für die kurze Abschiedsszene aus Marc Evans’ Drama „Snow Cake“ – der Eröffnungsfilm der Berlinale 2006 – hat sie vorbereitet. Sie trägt einen weißen Pulli und einen lila Rock. Privatkleidung, sorgfältig ausgewählt für die Rolle. Um sie herum ist Gewusel, Techniker laufen herum, Scheinwerfer strahlen, die Publikumsränge sind voll mit Campus-Teilnehmern. Zuschauer sind beim „Actors Cut“ willkommen, Zwischenfragen erwünscht. Nur dann nicht, wenn die Kamera läuft.

Die bedient, als Profi und Dozent, Tom Fährmann, Kameramann bei „Das Wunder von Bern“ und „Die Päpstin“. Regisseur der Trainingsszenen ist Wolfgang Eißler („Berlin am Meer“). Los geht’s: Klappe, Action. Nina Fog sitzt auf dem Sofa, steht auf, geht zu ihrem Spielpartner, dem Mexikaner Andrés Montiel. Todtraurig lächelnd schaut sie ihn an. Ein Abschied. „I hope you find what you are looking for“, sagt Nina alias Maggie, ihre Mundwinkel zucken. Es ist eine Close- Up-Übung, auf der Leinwand hinten im Saal ist ihr Gesicht ganz nah zu sehen, jede Regung kinogroß.

Irgendwann sagt Eißler: „Danke!“ Schnitt. Zweimal wird die Szene durchgespielt, zwischen den Klappen erklärt Fährmann, dass man bei Nahaufnahmen mit dem Gesicht eigentlich gar nichts tun muss. „Wir sehen, was du fühlst.“ Je weniger der Schauspieler „spielt“, desto besser funktioniert das Gesicht als Projektionsfläche für die Gefühle der Zuschauer. „Seid einfach ehrlich. Das ist genug.“

Es sind auch andere Paare dran, hintereinander Close-Up auf die Frau, Close- Up auf den Mann. Danach die Feedback- Runde: Andrew Byatt rät einer Schauspielerin: „Blinzel weniger“. Eißler schlägt einem Schauspieler vor, sich aus der anderen Richtung ins Bild zu drehen. Fährmann beantwortet Fragen aus dem Publikum, erzählt aus der Praxis. Dass Filmemachen viel mit Warten zu tun hat, weil so viel auf- und umgebaut wird. Dass Schauspieler lernen müssen, über lange Zeit hinweg ihr „Gefühlslevel“ zu halten oder es blitzartig neu zu erzeugen.

Für Nina Fog ist das kein Problem. Die Abläufe bei professionellen Dreharbeiten sind ihr nicht neu. Trotzdem hat sie die Szene als gute Übung empfunden – „eine Auffrischung“, nennt sie es nach dem Workshop. Erschöpft steht sie im Theaterfoyer. Was nimmt sie mit aus dem Tag? „Es war seltsam, mich selbst auf der Leinwand zu sehen. Aber auch gut: diese Objektivität, die plötzlich da ist.“ Man bemerke Fehler, verstehe die Konstruktion einer Szene. „Da gibt es viele Aha-Momente.“

Wie es weitergeht? Erst mal was essen. Dann ins Kino. Und dann zum nächsten Workshop. Und später? „Ich bin bereit“, sagt Nina Fog, „mehr denn je. Für neue, professionelle Abenteuer.“

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar