Talent Campus : Wie man’s dreht und endet

Im Workshop beim Talent Campus trainieren junge Filmemacher mit erfahrenen Kameraleuten und Cuttern den Umgang mit neuester Technik. Eine Reportage.

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Alles digital. Die Kamerafrau Maja Radosevic aus Serbien beim Praxistest. Foto: Georg Moritz
Alles digital. Die Kamerafrau Maja Radosevic aus Serbien beim Praxistest. Foto: Georg MoritzFoto: Georg Moritz

Die größte Herausforderung ist die Kälte. Eigentlich sollen sich die Teilnehmer des Berlinale Talent Campus auf diesem Workshop mit den technischen Details verschiedener Digital-Kameras vertraut machen, doch je länger der Außendreh vor dem Haus der Kulturen der Welt (HKW) dauert, desto mehr richtet sich die Aufmerksamkeit auf den Erhalt ihrer Körpertemperatur. Mit sinkender Sonne tritt der Unterschied zwischen den Profis und den aufstrebenden Filmemachern immer deutlicher zutage: Während Mentor Stefan Ciupek und seine beiden Kameraassistenten in ihren dicken Jacken auch nach drei Stunden noch ruhig dastehen, tänzeln die jungen Workshopteilnehmer immer rastloser um sie herum.

Die meisten von ihnen haben den Berliner Winter unterschätzt. Der irische Regisseur Thomas Hefferon etwa sagt, er habe eine solche Kälte noch nie erlebt. In Dublin fällt die Temperatur selten unter null. Hefferon ist mit Ryanair angereist und hat nur minimales Gepäck dabei. Aber es gab schon schlimmere Fälle. Mentor Ciupek erzählt von einem Talent-Campus-Gast aus Ghana, der mit leichtem Gewand und Flipflops aus dem Flugzeug stieg und erst einmal mit Winterkleidung eingedeckt werden musste. Aber das ist Jahre her, die Nachwuchsfördersparte findet 2012 zum zehnten Mal statt. Es gab 4382 Bewerbungen aus 137 Ländern, 350 junge Künstler wurden eingeladen, Kontakte zu knüpfen, sich auszutauschen und Workshops zu besuchen.

Der Postproduktions-Workshop, in dessen Rahmen die Aufnahmen am HKW stattfinden, soll den Talenten die Möglichkeiten der digitalen Technik verdeutlichen. Natürlich ist und bleibt Filmemachen auch im digitalen Zeitalter ein Mannschaftssport, für alle Arbeitsschritte gibt es Spezialisten – wie Cutter, Sounddesigner, Coloristen – die ihre Perspektive und Erfahrung einbringen. Dennoch ist es wichtig, auch als Regisseur oder Kamerafrau mit den Details der Prozesse vertraut zu sein, eine Vorstellung davon zu haben, was technisch möglich ist.

Möglich ist viel, es wird stetig mehr. Für Kameraleute wie Maja Radosevic aus Serbien ist der stetige Fortschritt eine enorme Herausforderung. Im Gegensatz zu den meisten anderen Workshop-Teilnehmern hat sie auch schon mit analogem Film gearbeitet, 16 und 35 Millimeter. Die digitale Technik habe die Arbeit leichter, billiger und flexibler gemacht, sagt sie. Das Problem sei aber, dass von Kameraleuten erwartet werde, dass sie immer auf dem neuesten Stand sind. „Aber ihnen bleibt kaum noch Zeit, sich mit der Technik vertraut zu machen.“

Dabei ist die Beherrschung des Werkzeugs die Voraussetzung für einen gelungenen Film – und eine Möglichkeit, Kosten zu senken. Wer im Voraus weiß, was er will, kann viel Geld sparen. Stefan Ciupek berichtet vom Dreh des oscarprämierten Dramas „Slumdog Millionär“, an dem er als Camera Operator mitgewirkt hat. Weil die Macher einen bestimmten Video-Look im Sinn hatten, konnten große Teile des Films mit einem älteren, deutlich günstigeren Kameramodell gedreht werden. Neben der teureren Kamera ist auch das Speichern und Verwalten eines größeren Datenvolumens ein beträchtlicher Kostenfaktor.

Dennoch, so lernen die Talente, ist es ratsam, mit der eingesetzten Kamera das bestmögliche Resultat zu erzielen, also so viele Bildinformationen wie möglich aufzuzeichnen. Das gilt selbst für den Fall, dass ein trübes, unscharfes oder niedrig aufgelöstes Bild erwünscht ist. Nachträglich verschlechtern lässt es sich in der Postproduktion immer. In der Farbkorrektur geht es darum, das gedrehte Material optisch zu vereinheitlichen, etwa wenn eine Szene an verschiedenen Tagen gefilmt wurde oder sich beim Dreh Wetter oder Sonnenstand verändern. Es lässt sich auch ein bestimmter Look entwickeln oder nachträglich eine Tagszene in die Nacht verlegen.

Als die Workshopteilnehmer die gedrehten Szenen anderntags am Monitor vergleichen, sind sie von den Unterschieden zwischen den Kameras überrascht, aber vom Resultat angetan, was vor allem mit der Kulisse der vereisten Spree und dem Haus der Kulturen der Welt zu tun hat. „Sieht aus wie eine Szene aus einem Spionagefilm“, findet Thomas. „Das Bild wäre so viel uninteressanter ohne Schnee.“ Neben den Erkenntnissen aus Workshops und Vorträgen, neben neuen Erfahrungen und Kontakten werden die Talente also eine konkretere Vorstellung von den klimatischen Eigenheiten des Berliner Februars mitnehmen.

Als Special läuft eine Doku über den Wandel von analogem zu digitalem Film: „Side by Side“, 15.2., 15 Uhr (Haus der Berliner Festspiele); 17.2., 18 Uhr (Cubix 8)

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