Kultur : Talent zur Taktlosigkeit

Krisenmeister: Ulrich Weinzierl erzählt das schwierige Leben Hugo von Hofmannsthals

Steffen Richter

Im Oktober 1902 teilte Hugo von Hofmannsthal in einem fiktiven Brief mit, dass ihm die Fähigkeit abhanden gekommen sei, „über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen“. Die „abstrakten Worte“, so das meistzitierte Bild des Schreibens, „zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze“. Der berühmte „Chandos-Brief“ ist eines der wichtigsten Gründungsdokumente der literarischen Moderne.

Nichts davon steht in Ulrich Weinzierls Hofmannsthal-Biografie – und dennoch ist sie ein bemerkenswertes Buch. Bemerkenswert, weil das Leben Hofmannsthals vor allem in seinen emotionalen Facetten äußerst plastisch vor Augen tritt. Bemerkenswert auch wegen des außerordentlichen Sachverstands, der in jeder Zeile waltet und eine kleine Kulturgeschichte des österreichischen fin de siècle mitliefert. Fast bewundernswert schließlich, weil ein Biograf selten so wenig Denkmalsbau betrieben hat. Weinzierl huldigt dem poetischen Genie, ohne seine ideologischen Verblendungen zu übersehen. Und erst vor dem Hintergrund der Hofmannsthal’schen Maxime „Das: Verbirg dein Leben“ lässt sich die Leistung dieser ersten umfassenden biografischen Annäherung würdigen.

Der Urgroßvater war jüdischer Unternehmer in Wien. Das genügte im Zeitalter des antisemitischen Argwohns, um dem Dichter noch Generationen später das Klischee des reichen Juden anzuhängen. Richtig ist, dass Hugo von Hofmannsthal, als er 1874 in Wien geboren wurde, weder Jude war noch reich.

Hofmannsthal, obwohl sein Großvater „schon früh Christ“ geworden war,wollte seine Verbindung zum Judentum „keineswegs verächtlich“ abtun. Und doch verfiel er selbst gelegentlich in antisemitisches Gefasel und zog über „diese Lemuren einer parasitären Existenz“ her. Auch wohlhabend war er – freilich erst dank seiner Heirat mit Gerty Schlesinger, deren Mutter aus einer jüdischen Bierbrauerfamilie stammte. Die frühe literarische Bravour und vor allem der Erfolg seiner Opernlibretti für Richard Strauss taten ein Übriges: Die „Elektra“ (1909) und natürlich der „Rosenkavalier“ (1911) spülten Geld in die Kasse. Nach der Heirat bezogen die Hofmannsthals das Barockschlösschen Rodaun bei Wien (wenngleich zur Miete). Kein Wunder, dass ein Mann der „inneren Etiquette“ und der feinen kulturellen Bildung ein gerüttelt Maß Snobismus und sozialen Dünkel an den Tag legte.

Nicht weniger zwiespältig zeigt sich Hofmannsthal in seinen zahlreichen Freundschaften. Dem sensiblen „Genie der Freundschaft“ (Richard Alewyn) gesellt sich jedoch, was Weinzierl „Talent zur Taktlosigkeit“ nennt. Dem Grafen Kessler durchwühlt er während einer Griechenlandreise den Koffer, Schnitzler teilt er mit, er habe dessen Roman „halb zufällig, halb absichtlich in der Eisenbahn liegen lassen“. Ganz zu schweigen vom hochkomplexen Verhältnis zum „Meister“ Stefan George, dessen erotische Avancen der 17-jährige Gymnasiast zurückgewiesen hatte. Homophile Neigungen ziehen sich fortan durch die meisten von Hofmannsthals Männerfreundschaften. Dennoch singt er das Hohelied der konventionellen Ehe, die Bedeutung eines intakten Familienbilds steht außer Frage: Hofmannsthal stirbt am 15. Juli 1929, zwei Tage, nachdem Franz, eines seiner drei Kinder, sich eine Kugel in den Kopf geschossen hat. Die Tragik lässt sich kaum überbieten.

Am problematischsten an Hofmannsthal ist sicherlich seine Weltkriegs- und Österreich-Publizistik. In der berüchtigten Münchner Rede „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“ von 1927 wollte er einen Prozess im Gange sehen, der nur als „konservative Revolution“ bezeichnet werden könne. Das Etikett blieb an ihm haften. Und Weinzierl, wenn er angesichts solcher Elaborate von „Brokatprosa“ spricht und den „Verrat“ geißelt, „den Hofmannsthal an seinem Kunst- und Sprachverstand als dilettierender Ideologe und vaterländischer Propagandist beging“, nimmt kein Blatt vor den Mund.

Und doch vergibt sich der Biograf etwas, wenn er allein den Menschen sieht und sich – trotz seiner enormen Werkkenntnis – um Texte kaum schert. Denn was Hofmannsthal in der „Schrifttums-Rede“ zur Suche nach Ganzheit bewegte, ist derselbe Impuls, der dem Stoßseufzer des Lord Chandos zugrunde liegt, ihm sei der Zusammenhang der Dinge verloren gegangen. Er wurzelt im Krisenbewusstsein des Zeitalters. Und Hofmannsthal, der feinsinnige Dichter und schwierige Freund, war eben auch einer der klarsichtigsten Sprecher dieser Krise, die Moderne heißt.

Ulrich Weinzierl: Hofmannsthal. Skizzen zu seinem Bild. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2005. 320 S., 21,50 €.

» Mehr lesen + gratis Kino für Sie!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben