TALENTFÖRDERUNG : Musterschüler im Fach Popmusik

Alexandra Distler

Wie kann ich mein Projekt nach vorn bringen? Wie kann ich meine Performance schärfen? Wie holen wir das Meiste und Beste aus unserer Band? Was zieht bei Meinungsmachern, Labels, Verlagen, Bookern, Redakteuren und vor allem FANS?“ Dies sind keine Fragen, die ein korrupter Creative Director seiner Task Force stellt, um ein unnützes Produkt zu vermarkten. Auch keine Szene aus dem Krimi „Kill your Friends“ von John Niven, in dem der A-&-R-Manager eines Major Labels zunehmend in den Strudel von Drogen und Mord gerissen wird, weil er dem Druck nicht gewachsen ist, immer bessere, rentablere Acts aufzutun.

Es sind Fragen, die in der All2gethernow- Werkstatt für Bands ohne Label- oder Verlagsvertrag beantwortet werden sollen. Wer mitmachen will, lädt einen Songs auf www.tracksandfields.com hoch. Wird er für gut befunden, bekommt die Band ein „Coaching von Profis für die Pros von morgen“. Die Profis heißen etwa Jörg Rohleder vom „Musikexpress“ oder Tim Renner von Motor Music. Die fünf besten Projekte werden veröffentlicht und vom Jugendsender RadioFritz vorgestellt – All2gethernow sucht den Superstar.

Die Werkstatt ist ein Beispiel für den Trend zur planmäßigen Pop-Karriereplanung. Die Zeiten, in denen Bands sich in schrottigen Clubs die Finger wund spielten und auf ihre Entdeckung hofften, sind lange vorbei. Heute führt der Weg ins Musikgeschäft oft über Castingsendungen oder auch Popakademien – der etwas nachhaltigere Ansatz. So bietet etwa die Deutsche Pop in Berlin, Hamburg, Köln und München Ausbildungsgänge zum Songwriter, Arrangeur oder Filmkomponisten an. Auch Tontechnik und Musikmanagement werden hier gelehrt. Die bekannteste Nachwuchsschmiede gibt es seit 2004 in Mannheim: Die Popakademie Baden-Württemberg ist die einzige staatliche Hochschule für Populäre Musik in Deutschland. Sie bietet die Bachelor-Studiengänge Musikbusiness und Popmusikdesign an. Prominente Gastdozenten wie Mitgründer Xavier Naidoo, Udo Lindenberg, Wir sind Helden oder Tim Renner geben hier ihr Wissen an den Nachwuchs weiter.

Mit einigen erfolgreichen Absolventen kann die Popakademie mittlerweile aufwarten. Erst im Juli landete der Frankfurter Christian Kalla alias Crada als Produzent für HipHop-Star Drake mit dem Song „Fireworks“ einen Nummer-1-Hit in den Billboard-Charts der USA und Kanada. Bekannte Sprösslinge sind Johanna Zeul und Konstantin Gropper, der unter dem Namen Get Well Soon bereits zwei sehr ambitionierte und viel gelobte Indie-Rockalben aufgenommen hat.

Während der Music Week präsentiert sich die Popakademie aus Mannheim, deren Fassade übrigens mit einem grob gerasterten Foto von John Lennon verziert ist, zum ersten Mal auf der Popkomm. Nicht nur mit einem Stand auf dem Flughafen Tempelhof, sondern auch bei einem Infotag in der Kalkscheune (Johannisstraße 2) am 8. September.

Und wer mehr als den nationalen Pop-Erfolg plant, egal ob als Musiker oder Produzent, dem sei Martin Atkins ans Herz gelegt. Der ist erfahrener Schlagzeuger und Produzent der Bands PIL und NineInchNails und weiß, wie Marketing funktioniert. So ließ er den Satz „Welcome to the music business – you’re fucked!“ auf T-Shirts drucken, die er für 15 Dollar das Stück über seine Plattenfirma verkaufte. Atkins gibt beim All2gethernow-Camp unter dem Titel „DIY Marketing & Touring Workshop“ ein zweitägiges Seminar zum Thema Eigenvermarktung. Dabei verspricht er Antworten auf die Fragen: Wie erreiche ich maximale Aufmerksamkeit mit minimalen Mitteln? Wo kommunizieren Fans, und wie schalte ich mich in diesen Dialog ein?“ Von Alexandra Distler

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