Kultur : Talg im Turm

Das Fernsehen, ein Todfeind des Buchs? Von wegen: Die Literatur entdeckt die Medienwelt als Lebensraum

Petra Kohse

Das Fernsehen. Schon viel zu lange gibt es viel zu viel davon. Zu welchen Wucherungen und Deformationen das geführt hat, wurde jüngst anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Privatfernsehen in den Feuilletons der Medienrepublik erörtert. Mit dem Fernsehen also ist es ein Elend. Aber weil das alle wissen, auf die eine oder andere Weise aber trotzdem dabeibleiben, ist das Fernsehen längst der größte gemeinsame Lebensraum dieser Gesellschaft geworden. Und verlangt als solcher nach literarischer Bewältigung.

Verstärkt wahrgenommen wird das Fernsehen in der Literatur schon seit den Achtzigern. Als Symbol für intellektuellen Tiefstand und moralische Verkommenheit, als Fenster zur wirklichen Welt oder sogar als ästhetisches Modell. Ansätze allesamt – von Rainald Goetz, Josef Haslinger, Elfriede Jelinek, Susanne Riedel, Botho Strauß oder Walter Kempowski –, die das Medium als Provokation verstanden, an dem sich ein rechtmäßiger Kulturmensch zu beweisen hat.

Inzwischen aber gibt es auch Romane, die im Fernsehmilieu spielen, ohne dieses Milieu gleich mit dem Vorwurf der Oberflächlichkeit zu überziehen. Sie akzeptieren, dass die Selbstverständigung der Öffentlichkeit am ehesten hier stattfindet und viele, die noch Arbeit haben, sie eben hier haben. Wobei die Degeneration der Literaturkritik im Fernsehen zur Literaturbewerbung und die Eroberung von Sendezeit durch Literaten und Intellektuelle – man denke nur an Frank Schirrmachers Auftritt bei Beckmann – gleichfalls zur neutraleren Haltung beigetragen haben dürften. Man ist sich näher gerückt.

Blindheit oder dümmliche Affirmation müssen daraus trotzdem nicht resultieren. Schließlich nutzen Autoren ja auch andere Lebensräume als Reibungsflächen für ihre Figuren. Aber der triumphierende Gestus fehlt bei den Enthüllungen, dieses Vorzeigen eigener Überlegenheit. Die neuen Fernsehwelt-Literaten wissen, dass sie zum gleichen System gehören wie ihre Protagonisten.

Was übrigens keine Frage des Alters ist. Wolfgang Herles etwa, der soeben „Die Tiefe der Talkshow“ veröffentlicht hat, ist Jahrgang 1950 und seit einem Vierteljahrhundert tatsächlich im Fernsehgeschäft, derzeit als Redaktionsleiter des Kulturmagazins „aspekte“. Sein Buch (dtv, München 2004, 275 Seiten, 14,50 Euro) ist zwar insofern old school, als ein Polit-Talkmoderator im Zentrum steht, der heftig darunter leidet, kein ordentlicher Journalist mehr zu sein, sondern nur noch eine „Fernsehnase“. Gleichzeitig handelt es sich bei diesem Selbsthass aber um eine allgemeine Midlife-Crisis, in der bekanntlich auch Dichter oder Zahnärzte ihre Arbeit in Frage stellen. Zudem führt die Krise keineswegs zum Rückzug aus dem TV-Geschäft. Der grüblerische Moderator wird sogar befördert, während sein eitler Konkurrent das Nachsehen hat und eine attraktive Printjournalistin als karrieresüchtige Nichtskönnerin entlarvt wird.

Natürlich nimmt Herles aus biografischen Gründen die ganze Fernsehsache sehr ernst und müht sich ebenso redlich um Studiodetails wie um das Altherrenproblem. Thomas Glavinic, 1972 in Graz geborener Schriftsteller, ist da weniger befangen: Mit dem Realismus von Einzelheiten hält er sich kaum auf. „Wie man leben soll“ ist der zum Handbuch stilisierte Schelmenroman eines Zlatko oder Daniel Küblböck (dtv, München 2004, 239 Seiten, 14 Euro). Hier heißt er Karl Kolostrum.

Kolostrum ist die Bezeichnung für die mütterliche Vormilch: eine ironische Anspielung, denn diesem Kind wurde das Gewinnen bestimmt nicht in die Wiege gelegt: ein Dicker, der sich als Schüler mit Süßigkeiten und Sex über die Trunksucht seiner Mutter hinwegzutrösten versucht, der es als Student bloß zum Taxifahrer bringt und versehentlich drei Tode mitverschuldet. Der Moment aber, in dem er am tiefsten sinkt und sich in Anwesenheit einer versteckten Kamera maximal lächerlich macht, wird zum Augenblick seines Triumphes, weil sein schwabbeliges Verlierertum Balsam auf die Seele des Fernsehvolks ist. Bald posiert der 150-Kilo-Mann, der in einem Warteraum des Senders schwitzend und alkoholisiert eine schöne Fremde mit Handlesen anbaggern wollte, als DJ Wahrsager mit rotem Kopftuch und Ohrringen und hat eine Erfolgs-Single aufgenommen, obwohl er gar nicht singen kann.

Ein sympathisches Buch, dessen skurriler Stilwille bisweilen nervt, aber auf die lange Sicht doch einleuchtet: Erzählt wird aus der subjektiven Perspektive, aber in der prototypisierenden „man“-Form. Alle paar Absätze ist ein „Merke“-Satz eingeschaltet: Gemessen am Happy-End muss alles richtig gelaufen sein in diesem verkorksten Leben; daher wird es in allen individuellen Einzelheiten zur Nachahmung empfohlen. Und die Fernsehwelt funktioniert in diesem Roman als Initiationsplateau für den Eintritt in die Gesellschaft. „Merke: Wenn man sich im Fernsehen zum Trottel gemacht hat, erhält man in den Tagen darauf viele Anrufe.“

In Tobias Hülswitts „Ich kann dir eine Wunde schminken“, der dritten Neuerscheinung zum Thema in diesem Frühjahr, beschleunigt die Medienwelt die Selbstwahrnehmung und Selbstfindung (KiWi, Köln 2004, 187 Seiten, 8,90 Euro). Es geht um Hendrik und Laura, zwei Endzwanziger, die sich in Leipzig treffen. Sie studiert noch, er hat es aufgegeben und tritt stattdessen alle vier Wochen mit einer Comedytruppe auf. Ein zögerlicher, regressiver Mensch, der zur Entspannung im Keller eines vietnamesischen Lebensmittelladens Räucherstäbchen entzündet und Kisten stapelt. Er wird als Gagschreiber für eine Spielshow zum Thema Krieg angeworben und entdeckt auf den Fluren der Produktionsfirma endlich, dass er lebt. Denn auf Schritt und Tritt von einem Making of-Team verfolgt, beginnt der Dauerregistrierte selbst zu registrieren. Die Mitarbeiter, die Konkurrenten, sich selber. Er merkt, dass er kein Abhänger, sondern ehrgeizig ist. Er merkt, dass er eifersüchtig ist. Und dass das Fernsehen nichts für ihn ist.

Die Kamera schon. Nachdem ein Versuch, den Moderator der Show (mit dem Laura ihn betrogen hat) bei laufender Aufzeichnung zu ermorden, damit endet, dass er selber zusammengeschlagen wird, schickt er Laura aus dem Krankenhaus ein selbst gedrehtes Video. Er kann zwar auch darin nicht sagen, dass er sie liebt, zeigt aber, dass er bald auf Krücken gehen wird.

Ein schöner und raffinierter, lustiger und lakonischer Roman, dessen Textfluss auch durch das unübersichtliche System aus Über- und Unterkapiteln nicht gehemmt wird. In wechselnden Perspektiven – der subjektiven Hendriks und der auktorialen bei Laura – beschreibt der 1973 geborene Autor Alltagsstrategien des Sich-Versteckens und -Findens und kreist in schönster Beiläufigkeit um die Diskrepanz zwischen dem, was man will, und dem, was man macht. Der Romantitel rührt aus einer Szene, in der Hendrik der Unterschied zwischen einer Visagistin und einer Maskenbildnerin erklärt wird. Erstere betont ein Gesicht, Letztere kann es verändern. Wobei die Scheinhaftigkeit kein Grund für Hülswitt ist, Verdacht zu schöpfen. Er betrauert nicht den Verlust des Authentischen. Sondern freut sich an Möglichkeiten der Vermittlung.

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