Kultur : Taliban: Krieg gegen Frauen

Am 8. März 2001 war der "Internationale Tag der Frauen". In jenen Tagen hatte das - nichtgewählte - Regime der afghanischen Taliban mit seinem Zerstörungswerk an den gigantischen Buddha-Statuen im Land begonnen. Es war die erste spektakuläre Spreng-Aktion der Taliban in diesem Jahr. Menschenleben forderte sie nicht. Skrupellos war sie dennoch - und erinnert daran, dass die Taliban sich nicht nur an Skulpturen im Stein vergreifen. Sondern auch Frauen steinigen. Frauen, die unter dem prosowjetischen Regime immerhin einige Freiheiten erhalten hatten, werden in Kabul heute öffentlich hingerichtet, weil sie Nagellack, Lippenstift oder Lidschatten tragen. Schminke gehört zur Subkultur, wo die "reine Wahrheit" herrscht, und wo Verführung - durch Frauen, durch "den Westen" - Panik auslöst, weil sie die Herrschaft bedroht. Im heutigen Afghanistan lernen manche Mädchen in illegalen Schulen heimlich Lesen und Schreiben, die meisten lernen gar nichts. Zehntausende von Lehrerinnen, Ärztinnen, Geschäftsfrauen dürfen nicht mehr arbeiten und nur noch verschleiert aus dem Haus, in Begleitung von Brüdern, Ehemännern oder Vätern. Die Taliban beschneiden so die Menschenrechte der Häfte ihrer Bevölkerung. Längst hätte dies Gegenstand der Strafverfolgung durch internationale Gerichte, durch die Vereinten Nationen werden müssen. Die fanatisierten Männer der Taliban-Regierung führen seit Jahren einen Krieg, von dem der Westen kaum Kenntnis nimmt. Einen Krieg gegen die Frauen. Es wird in diesen Tagen viel debattiert und gestritten über Gerechtigkeit, über Einäugigkeit, die verfehlte Außenpolitk der USA, misslungene Interventionen und ein naive Land, das große, starke Kind der Weltgeschichte. An Küchentischen und Kneipentheken, in Meinungsspalten und Radikommentaren finden sich Hobbyexperten, die, - mit allem Beileid - den Zustand der USA analysieren, um dann Freiheitsbewegungen kleiner Gesellschaften, "andere Ethnien", zu preisen als Zeugen des verzweifelten Widerstands gegen eine Supermacht. Leute, die Advokaten der Menschenrechte, der besseren Sozialsysteme und des säkularen, nicht-nationalen Denkens sind, werden dabei gern zu erhitzten Advokaten von Ländern ohne Menschenrechte, ohne Sozialsysteme und mit extremen Tendenzen ins Religiöse.

Die fanatisierten Männer, die die Flugzeuge zur Waffe machten, hatten eines im Fadenkreuz: Eine säkulare, gleichberechtigte Welt, in der sich Frauen, - ihre negativsten Projektionsobjekte - , frei bewegen können. Der Name "World Trade Center" trägt einen den Taliban widerstrebenden Inhalt. TRADE steht für Handel und Ausstausch, für die potentielle Begegnung aller - WORLD - auf einem Platz, einem Marktplatz. CENTER kann ebensogut für Zentralismus, für Eurozentrismus, Herz und Substanz stehen. Diese semantische Triade sollte symbolisch ausgelöscht werden. Weder aus World, noch aus Trade oder Center können Frauen in demokratischen, rechtsstaatlich verfassten Ländern heute noch ausgeschlossen werden, auch wenn sie noch immer bei Fotos von Gipfeltreffen vor allem den bunten Fleck darstellen.

Es ist nicht der Kapitalismus, den die fundamentalistischen Männer attackieren. Sie leben selbst gut davon und nur davon, dass Öl-Business, Drogen oder Immobilienhandel ihre Taten finanzieren. Nein, es geht ihnen um die Einschränkung der Freiheiten anderer, vor allem der Frauen: ein hochneurotisches Programm in der Verkleidung einer alten Religion und (außerhalb Afghanistans) kombiniert mit High-Technology.

Aber, warum, das ist die spannende Frage, warum hat "den Westen" das Menschheitsverbrechen der Taliban an Frauen und Mädchen weniger interessiert, als das Sakrileg, die Buddha-Statuen anzurühren? Es ist eigenartig, dass kaum jemand, der oder die von den Taliban und ihrem mutmaßlichen Verbrechen in New York und Washington spricht, sich für deren horrendes Verbrechen im eigenen Land interessiert. Das Widerstandspotential der entrechteten - und häufig gebildeten - Frauen ist enorm. Eine BBC-Reporterin in Kabul nannte sie gestern die "natürlichen Alliierten der USA". Warum sich diese noch nicht an die Frauen in Afghanistan wandten, konnte sie auch nicht verstehen. Vielleicht sprechen sie ihre Sprache nicht, so wie FBI und CIA nun zugeben, dass kaum einer dort Arabisch kann? Ein Tipp: Viele können Englisch.

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