Kultur : Taliban ohne Chance

Trotz Terror und Gewalt: Christian Wagner befürchtet kein Scheitern Pakistans.

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Aus Pakistan scheinen in den vergangenen Jahren die immer gleichen Nachrichten zu kommen: Kämpfe zwischen Sicherheitskräften und Islamisten, Bombenanschläge, amerikanische Drohnenangriffe, steigende Opferzahlen. Wohin wird diese Spirale der Gewalt das Land führen? Christian Wagner zählt nicht zu den Untergangspropheten. Zwar listet auch der Leiter der Forschungsgruppe Asien der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin die blutigen Fakten auf: Alleine im Jahr 2009 starben bei 87 Selbstmordanschlägen 1299 Menschen, insgesamt wurden mehr als 12 000 Opfer politischer und militärischer Gewalt. Die Armee sieht sich gezwungen, 140 000 Soldaten in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan zu stationieren. Dabei verlor sie bisher über 2200 Mann im Kampf gegen militante Gruppen und beklagt damit höhere Verluste als die internationalen Truppen in Afghanistan.

Und dennoch: Wagner lenkt seinen Blick zu Recht nicht nur auf die islamistische Bedrohung. Denn allzu schnell werden im politischen und medialen Fokus des Westens die moderaten und demokratischen Traditionen Pakistans vernachlässigt. Schließlich bestehen der asiatische Islam im Allgemeinen und der südasiatische Islam im Besonderen aus einer Vielzahl unterschiedlicher Strömungen. Und die moderaten Traditionen der Sufis prägen die religiösen Einstellungen der Mehrheit der pakistanischen Bevölkerung.

Die Militärregime wurden nach Wagners Beobachtung nie widerspruchslos akzeptiert, sondern haben verschiedene Formen des Protests hervorgerufen. Als prominentestes Beispiel der jüngeren Geschichte nennt er hier die Proteste der Anwaltsbewegung gegen die Absetzung des obersten Richters Iftikhar Chaudhry 2007. Ferner fordern seit Jahren zahlreiche Nichtregierungsorganisationen Reformen gegen soziale Missstände. Auch hat die Liberalisierung der Medienlandschaft unter Präsident Pervez Musharraf in Wagners Augen neue Formen politischer Öffentlichkeit geschaffen.

Vor diesem Hintergrund sieht er in Pakistan „weder Gaza noch das nächste Somalia“. Pakistan sei zwar auf der Religion des Islam gegründet, doch lehne die große Mehrheit der Pakistanis radikale Formen des Islam und islamistische Parteien ab. Eine Situation wie im Gazastreifen, wo islamistische Parteien durch demokratische Wahlen an die Macht kommen, ist für Wagner in Pakistan kaum vorstellbar. Denn trotz der vielen Probleme, die pakistanische Regierungen von jeher hatten und immer noch haben, ist das Land nach seiner Analyse weit davon entfernt, ein gescheiterter Staat wie Somalia zu sein, in dem sich staatliche Institutionen durch den jahrelangen Bürgerkrieg aufgelöst haben.

Ein Brennpunkt der internationalen Politik wird Pakistan allerdings auch nach Wagners Einschätzung bleiben. Denn weiterhin dürfte die demografische Entwicklung verbunden mit hoher Arbeitslosigkeit, geringen sozialen Aufstiegsmöglichkeiten, politisch motivierter Gewalt, religiösem Extremismus, ethnischem Separatismus, weitverbreiteter Korruption und Patronage innen- wie außenpolitische Krisen zur Folge haben. Ein Scheitern des pakistanischen Staates folgt daraus für Wagner aber zwangsläufig nicht. Denn erstens erscheine die vielbeschworene Machtübernahme durch die Taliban beziehungsweise islamistische Parteien – außer mit Hilfe eines Militärputsches – als wenig wahrscheinlich, zu stark sei die religiöse und ethnische Fragmentierung des Landes für eine umfassende Mobilisierung durch islamistische Gruppen.

Zweitens erkennt Wagner Ansätze einer pakistanischen Identität, hervorgebracht durch den jahrelangen religiös- konservativen Diskurs über nationale Sicherheit und die Beschwörung der äußeren Bedrohung, vermutlich aber auch durch die Liberalisierung der Medien. So ergeben neuere Umfragen, dass es eine erstaunlich hohe Übereinstimmung der Vorstellungen zu einer pakistanischen Identität gibt. Und drittens verfügt Pakistan über Institutionen, deren Leistungsfähigkeit zwar auch Wagner für schlecht hält, die aber trotzdem hohes Ansehen in der Bevölkerung genießen – wie die Streitkräfte. Eine Implosion staatlicher Strukturen, wie im Fall Somalias, hält Wagner daher für wenig wahrscheinlich. Sein Blick auf ein Land, dem regelmäßig sein Scheitern prophezeit wird, ist wohltuend realistisch. Thomas Speckmann

Christian Wagner: Brennpunkt Pakistan. Islamische Atommacht im 21. Jahrhundert. J.H.W. Dietz Nachf. Verlag, Bonn 2012. 191 Seiten, 16,90 Euro.

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