Kultur : Talk im Tran

Alle Macht den Frauen: „Geschichte einer Liebe“ mit Judy Winter am Berliner Renaissance-Theater

Christina Tilmann

Als Frank Schirrmacher und Hans Christoph Buch vor einem Jahr ihre Kampagne gegen Frauen in den Medien vom Zaun brachen, müssen sie an Journalistinnen wie Claudia gedacht haben: Jung, hübsch, ehrgeizig, nutzt sie all ihre weiblichen Reize, um zum Ziel zu kommen, gibt sich als verständnisvolle, aufmerksam zuhörende Gesprächspartnerin und ist in Wahrheit eiskalt berechnend.

Claudia Geisler, die in der deutschsprachigen Erstaufführung von Joanna Murray-Smith’ „Geschichte einer Liebe“ am Berliner Renaissance-Theater die Claudia spielt, ist eine Idealbesetzung: Wie sie vor Spannung mit halb geöffnetem Mund aufmerksam vornübergebeugt ihrem Interviewpartner gegenübersitzt, kann der gar nicht anders, als sich um Kopf und Kragen reden. Dass Schirrmacher und Buch vor solchen Frauen Angst haben, ist verständlich: Nicht unwahrscheinlich, dass sie irgendwann die Macht übernehmen in den Medien.

Doch eigentlich hatte Joanna Murray-Smith, eine australische Autorin, die mit diesem Stück den Sprung an Broadway und Londons West-End geschafft hat, eine andere Hauptfigur vorgesehen: Honour, die betrogene Ehefrau. „Honour“ heißt auch das Stück im Original, und dass diese Rolle, nach Eileen Atkins und Meryl Streep, nun mit Judy Winter, dem Star des Renaissance-Theaters, besetzt ist, zeigt, dass man auch hier die Akzente ähnlich setzen wollte.

Dass Claudia Geisler ihr etwas die Show stiehlt, liegt gewiss nicht an Judy Winter: Wie diese allein die Szene, in der der Ehemann ihr mitteilt, dass er sie verlassen wird, als Wechselbad zwischen Unglauben, Hysterie und Resignation anlegt, das ist große Kunst. Und doch: Wie sehr sind die beiden Schauspielerinnen, die das Stück in den besten Momenten zu einem Zweipersonenstück machen, mit den Rollen unterfordert. Dass die Aufführung im Renaissance-Theater (Regie: Ulrike Jackwerth) an eine Fernsehshow erinnert, mag an Werner Hutterlis Bühnenbild liegen: die hellen Sperrholzwände, die dezent in den Farben wechselnde Hintergrundbeleuchtung, auf der Bühne zwei Drehstühle, und Aufgang von links, Abgang nach rechts. Dass Claudia an Maischberger und Co. denken lässt, liegt aber vor allem an den talkshowtauglichen Themen, die im Stück verhandelt werden: Warum hat er mich verlassen? Wie lebe ich weiter? Was ist wichtiger in der Liebe, Treue oder Leidenschaft?

Welch’ andere Schärfe hatte Edward Albee mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ in ähnliche Konfrontationen gelegt. Joanna Murray-Smith bleibt dagegen zuverlässig auf dem Niveau von Vorabendtalks. Dass der untreue George, der sich in Platitüden wie „Wenn man jung ist, liegt noch alles vor einem. Da hat der Wunsch den selben Stellenwert wie im Alter die Tat“ ergeht, ein bedeutender Intellektueller sein soll – das kann auch der recht uninspiriert spielende Walter Kreye nicht vermitteln. Und auch Honour, immerhin eine viel versprechende Schriftstellerin, äußert sich nicht wesentlich raffinierter: „Alles ist anders geworden. Dinge, die sich geändert haben, ändern sich nicht wieder zurück.“ Das Renaissance-Theater, das sich zum veritablen Schauspieler-Theater entwickelt hat, sollte inzwischen auch bei der Stückauswahl etwas mehr Mut beweisen.

Vorstellungen täglich außer montags, bis 23. Oktober

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben