Kultur : Talkshow mit Antigone

THEATER

Christoph Funke

Die Einschaltquoten stimmen. Schließlich wurde in der Talkshow gerade von Erhängen, Abstechen und mütterlichem Selbstmord berichtet. König Kreon, zuletzt alleiniger Stargast, hat sich gut gehalten vor der Kamera. Und obwohl er Frau, Sohn und Schwägerin auf einen Schlag verlor, wird er nach der Sendung noch eine Pressekonferenz abhalten. Aber die erleben die zu Jean Anouilhs „Antigone“ in die Berliner Vaganten Bühne eingeladenen Zuschauer nicht mehr. Was geschah vorher? Da befragte die Moderatorin neben Kreon auch Antigone, um über eine Art Staatsstreich Auskunft zu erhalten. Regisseur Folke Braband hat nämlich Jean Anouilhs Sophokles-Bearbeitung noch einmal hergenommen und respektlos zum Fernseh-Talk umgeknetet. Er spürte das peinlich Parodistische dieser Sendungen auf, spielte souverän mit den Klischees des falschen Interesses und des geheuchelten Betroffenseins. Die Bühne wird zum Studio, im Sendelicht entblößen sich Menschen, bis sogar die Moderatorin gekonnt in Tränen ausbricht.

Allerdings, von der Größe der Antigone-Geschichte bleibt nicht viel. Schon Anouilh begegnete ihr skeptisch und melancholisch. Braband bringt sie, mit nur noch vier Figuren, noch frecher und rücksichtsloser auf Normalmaß. Romanus Fuhrmann gibt einen vergrämt angewiderten, furchtbar korrekten Kreon, Dominique Chiout eine tapfere, mädchenhaft aufmüpfige Antigone mit einem Hauch Dümmlichkeit. Glänzend ist Doris Prilop als die Befragerin „Chora“ – auf die Bühne kommt ein routiniert gestyltes Wesen mit abgründiger Verlogenheit. Das Ganze ist, wie Anouilh über Molière schrieb: untröstlich und fröhlich. (Vom 4. bis 7. und vom 18. bis 23. November.)

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