Tan im August : Ende mit Baustelle

Endspurt beim Tanz im August: „X-Choreografen“ aus Berlin landen einen Überraschungserfolg

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Fruchtbarkeitsritus. Tänzer des norwegischen Ensembles Carte Blanche.
Fruchtbarkeitsritus. Tänzer des norwegischen Ensembles Carte Blanche.Foto: Erik Berg

Es ist weit nach Mitternacht, als die letzten Teilnehmer der choreografischen Berlin-Tour im Café Zoo eintrudeln. Die Musiker der Band „Hands up – Excitement!“ packen gerade ihre Instrumente ein, doch die Nachtschwärmer verdrücken noch schnell eine Boulette. Beim Projekt „X-Choreografen“ wird das alte West-Berlin zur Bühne. 14 Nachwuchschoreografen, alle mit Hauptstadterfahrung, erkunden auf zwei Touren die Gegend um den Ku’damm und den Bahnhof Zoo. Ein Areal zwischen Bauboom und Abriss, das bei Nacht irreal anmutet mit seinen noch nicht fertiggestellten Prestigebauten.

Der Auftakt ist verheißungsvoll. Die Zuschauer haben vom zweiten Stock des Maison de France einen herrlichen Blick auf das nächtliche Treiben. Im Innern erklingt alte Revuemusik, draußen läuft der Tänzer Tian Rotteveel beschwingt über die Kreuzung, dreht sich um einen Laternenpfahl wie einst Gene Kelly. Der Performer erforscht den Mythos der Vergnügungsmetropole Berlin. Und die Stadt lädt zum Träumen ein. „Haben Sie Kapital?“ fragt später Anat Eisenberg, die die Zuschauer als Maklerin von „Unreal Estate“ in ein Verkaufsgespräch zieht – und mit allen Tricks arbeitet, um Träume zu verkaufen. Die Performance findet in einer noblen Kanzlei statt, die einen fantastischen Blick auf das Bikini-Haus bietet – dessen Fertigstellung sich aber verzögert wie beim Großflughafen. Vis-à-vis steht eine weitere Großbaustelle: das Luxushotel Waldorf Astoria. Zwischen Aufschwung und Absturz, Vergangenheit und Zukunft spannt sich der Parcours, der aufregende Berlin-Ansichten zeigt, weil er den Blick auf die Widersprüche der Hauptstadt lenkt. Hier kann man die Stadt neu kennenlernen.

Der Berliner Beitrag „X-Choreografen“ ist der Überraschungserfolg des Festivals Tanz im August, das ansonsten ein arg durchwachsenes Programm zeigte und zudem von Machtkämpfen hinter den Kulissen überschattet wurde. Gefeiert wurde aber Akram Khan, der mit „Gnosis“ verzauberte. Der britisch-bengalische Choreograf baut Brücken zwischen Ost und West und ist zudem ein charismatischer Performer. Atemberaubend verbindet er Sinnlichkeit und Spiritualität.

Wie ein Revival der Achtziger mutete „Corps de Walk“ an, das zum Abschluss in der Volksbühne zu sehen war. Die israelische Choreografin Sharon Eyal lässt die zwölf Tänzer des norwegischen Ensembles Carte Blanche wie Tanz-Roboter aufmarschieren. Geometrische Formationen lösen sich auf im organischen Gewimmel eines sonderbaren Fruchtbarkeitsritus. Angefeuert von Club-Musik katapultieren die Tanzrekruten sich am am Ende in einen kalten Techno-Rausch. Die Choreografie hat reizvolle Moment, überzeugt aber nicht als Reflexion über die Verführbarkeit der Masse. Als öde Nummernrevue entpuppte sich „(M)Imosa“, angekündigt als grellbuntes Spektakel mit Drag-Queen, Butch-Lesbe und Latino-Rockstar. Francois Chaignod wirkte einfach nur tuntig – Parodie einer Parodie. Da hatten die Berliner Transen im Publikum doch mehr schrillen Glamour.

Das fünfköpfige Kuratorenteam hat sich mit der Wahl des Themenschwerpunktes „Figures of Speech“ keinen Gefallen getan. Die Arbeiten, die Tanz und Sprache kombinierten, fügten dem Festival keine neue Dimension hinzu. Und dass die Choreografen ernsthaft über das Thema „Community“ nachgedacht haben, ließ sich nicht erkennen. Die diesjährige Ausgabe hat gezeigt: Tanz im August braucht eine neue Ausrichtung. In den nächsten Wochen ist mit einer Entscheidung zu rechnen. Derweil stehen die Berliner Choreografen schon in den Startlöchern. Der Höhepunkt der „Tanznacht Berlin“ ist der Marathon am Samstag in den Uferstudios, wo Arbeiten von Laurent Chétouane, An Kaler und Jeremy Wade zu sehen sind. Jetzt bloß nicht schlappmachen!

„Tanznacht Berlin“: heute ab 12 Uhr in den Uferstudios

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