Kultur : Tango am Funkturm: Schließ die Augen und träum von mir

Thomas de Padova

Der Tanz beginnt bei den Ohren. Raúl Linarez sitzt am Rande des Spiegelsaals und atmet die Luft des Bandoneons. Auch in diesem Tango tritt die kleine Quetschkommode in einen Dialog mit der Geige, der sich bald zum Wettstreit steigert. Raúl Linarez schließt die Augen. Die Zigarre glüht. Erst als sich die Spannung löst und eine Stimme zu singen beginnt, öffnet der schnauzbärtige Señor die Lider und summt die traurigen Worte beinahe lautlos mit.

Jeder Lateinamerikaner hat in seinem Repertoire einige Tangos. Raúl Linarez kennt deren Hunderte. Er ist zwar nicht am Geburtsort des Tango aufgewachsen, nicht in Buenos Aires am Rio de la Plata, sondern in Peru. Dennoch ist der Tango auch seine Liedkultur. Er ist ihm als Kind beim Besuch einer Rundfunkstation erstmals begegnet und hat ihm in Jugendjahren nach ersten Gehversuchen in der Liebe Trost gegeben. Erst später, als Raúl Linarez längst als Mathematiker und Chaosforscher an der Technischen Universität in Berlin arbeitete, erkannte er das Manko, den Tango nicht tanzen zu können. "So habe ich also angefangen zu tanzen."

Raúl Linarez geht zur Theke. Es dauert lange, bis er an einem Abend wie diesem im Bebob in Kreuzberg zu tanzen beginnt. Mit einem Glas in der Hand kehrt er zum Tisch zurück. Dabei senkt er den Blick, wiegt den Körper vor und zurück und lächelt bei jeder seiner genüsslichen Bewegungen.

"Der Tanz beginnt bei den Ohren, geht durchs Herz und erreicht zuletzt die Füße des Tänzers", sagt er. "Die Musikinstrumente sind Oszillatoren." Sie erzeugten Schwingungen, die wir als Töne wahrnehmen. Auch der menschliche Körper besitze zahlreiche Oszillatoren - das Herz zum Beispiel. Sie seien es, die die Schwingungen aufnehmen. Ob man den Rhythmus dann auch tänzerisch reproduzieren könne, hänge von der Fähigkeit ab, die Wahrnehmung richtig in die Körperbewegung umzusetzen.

Vor ihm, im Ballsaal, drehen sich die Paare. Die Tänzerinnen und Tänzer haben Spaß miteinander. Immer wieder bringen sie ihre erlernten Tangoschlenker und Verzierungen an, auch die mehr oder weniger holprigen "ganchos" (Haken) oder "barridas" (Schieber). Manche Frauen haben die Augen geschlossen und hören vielleicht ein wenig von dem, was Raúl Linarez so bewegt. Dann jedoch weckt sie ein schmerzhafter Zusammenstoß auf dem Parkett aus den musikalischen Träumen.

Raúl Linarez liebt sein Tangovolk, das mehrere tausend Tangueros zählt. Nur so jedenfalls ist es zu erklären, dass der Systemtheoretiker in seinen berüchtigten Pamphleten und Essays so leidenschaftlich über das Chaos auf den Tanzflächen in der europäischen Tangometropole schimpft. Ein Chaos, dem ein Defizit an Musikalität und ein falsch ausgerichteter Unterricht vorauseilten. Ließe man sich von der Musik leiten, "so würde sich der Ameisenhaufen in einen von der Musik harmonisch geführten Fluss verwandeln, der von der pulsierenden Spannung des Rhythmus belebt wäre".

Aber kaum hat der 56-jährige Rebell seine Tirade beendet, gerät er auch schon wieder ins Schwärmen und wirbt für sein nächstes rauschendes Tangofest. Diesmal hat er das Palais am Funkturm für einen Tangoball mit dem Orchester "Tango Real" und zahlreichen Tanzvorführungen gemietet. "Es ist Zeit, dass wir auch die Hochburg der Tänzer in Berlin erobern!"

Es ist Zeit zu tanzen, Señor Linarez! Doch der elegant gekleidete Herr hat die Musik gerade erst verinnerlicht. Das Tangolied spricht nun aus ihm mit Worten der Anklage und Empörung, der Hoffnung, der Sehnsucht und der Nostalgie. Er wettert gegen die politischen Verhältnisse in seinem Heimatland Peru, in das er eines Tages zurückkehren möchte. Dann erzählt er von peruanischen Märchen, die er zusammengestellt hat und in diesem Jahr in einem illustrierten Band herausgeben möchte.

Erst spät in der Nacht sieht man ihn tanzen. Abseits jeder Tanzschulpädagogik, mit gleitenden, akzentuierten Schritten. Und am liebsten mit Frauen, die noch nie zuvor einen Tango getanzt haben.

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