Kultur : Tango für immer

Silvia Hallensleben

tanzt sich fit für die Berlinale Am Dienstag läuft der Berlinale-Vorverkauf an. Bis dahin heißt es nicht nur, die Grundlagen der Festival-Logistik zusammenzubekommen. Auch die letzten Ausflüge ins freie Kinoleben wollen vorher schnell noch erledigt sein. Die erste Kinoreise führt in die niedersächsische Provinz zu einem Filmemacher, der seit fast 20 Jahren mit sympathischem Starrsinn jedem Zeittrend trotzt. Der 1961 geborene Wenzel Storch hat sich in bisher drei aufwendig-trashig handgestalteten Spielfilmen einem knallbunten Nirwana zwischen katholischer Diaspora-Flower- Power und Augsburger Puppenkiste verschrieben. Dabei sind Autor und Team von einem überschäumenden Einfallsreichtum beseelt, den keine Filmschule verbogen hat. Im Kino hatten die von Storch im Selbstverleih vertriebenen Filme immer nur kurze Gastspiele. Jetzt ist außer seinem jüngsten Werk, der Reise ins Glück (am Freitag) bis Sonntag auch noch der Rest von Storchs Jürgen- Höhne-Trilogie komplett im Babylon- Mitte zu sehen.

Von Niedersachsen nach Osteuropa, von der verspielten Abenteuerreise zu einem verzweifelten Exodus ohne Sinn und Ziel, von Wenzel Storch zu Béla Tarr, einem der renommiertesten Filmkünstler der Welt. Der ungarische Regisseur, der am Sonntag im Arsenal den Andrzej Wajda Freedom-Preis bekommt, erfüllt seinen Feinden bereitwillig alle Horrorbilder osteuropäischer Cineastik. Nicht nur, dass seine metaphorischen Filmwelten sich gewöhnlich ins Sackleinen existenzieller Verzweiflung kleiden. Sie erdreisten sich auch, das konsumübliche Kinozeitmaß weit zu überschreiten: So beansprucht Béla Tarrs großartiger Sátántangó , der am Sonnabend gezeigt wird, mit 436 Minuten gleich einen ganzen Tag im Arsenal (zwei weitere Filme werden Freitag und Sonntag gezeigt). In der Zeit könnte man locker das Gesamtwerk von Wenzel Storch unterkriegen. Wie wäre es da mal mit einem Tausch: Alle Storchisten ins Arsenal! Die Tarristen müssen sich dafür „Reise ins Glück“ ansehen. Und keiner darf schlapp machen! Das wäre einmal echtes Experimentalkino. Und auch die richtige cineastische Skigymnastik vor den Strapazen der zehn tollen Berlinale-Tage.

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