Kultur : Tango: Rückblick: Vorhang hoch!

Roman Rhode

Ist Tango nur Männersache? Zwar lebt der Tanz von der spannungsvollen Führung des schmachtenden Machos. Ohne die geheime Regie seiner Gegenspielerin aber wäre er verloren. "Im klassischen Tango", sagt Silvana Deluigi, "ist die Frau eine Heilige oder Hure. Im Tango Nuevo dagegen erscheint sie, wie sie wirklich ist." Das zeigt die argentinische Sängerin bei ihrem Auftritt im Tränenpalast mit Bravour. Nicht als Pose, sondern aus purer Lust weiß sie die Getriebenheit einer modernen Comadrita - der stolzen Frau, an der sich die Leidenschaften entfachen - beim Tango zu verkörpern. Und besiegt die süße Larmoyanz von Bandoneon, Violine, Gitarre, Flügel und Kontrabass mit der Entschiedenheit ihres Gesangs. Dabei lässt sich Deluigi von ihrem exzellenten Quintett auf einem Streifzug durch die Geschichte des Tangos begleiten. Vom Dunstkreis der verruchten Spelunken am Stadtrand von Buenos Aires, wo das Genre geboren wurde, geht es über die goldene Zeit in den großbürgerlichen Ballhäusern bis hin zu Texten von Jorge Luis Borges und der Musik von Astor Piazzolla. Einsamkeit, Verzweiflung, Schmerz und Alkohol, die ewigen Themen des Tangos, interpretiert Deluigi manchmal so eindringlich, als wären es Brechtsche Lieder. Wenn sie den überkommenen Tango entstaubt, dann auf andere Art und Weise als ihr Entdecker Juan José Mosalini. Während der Schüler Piazzollas die wehen Balladen längst in artifizielle Kunstlieder verwandelt hat, gibt Deluigi dem Tango seine ganze Sinnlichkeit zurück. Nicht nur daran hätten sich Sänger-Legenden wie Gardel oder Goyeneche lyrisch berauschen können. Aber weil Tango schließlich auch beherzte Rebellion bedeutet, wird Deluigi ihr Zepter so schnell nicht aus der Hand geben.

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